Auf Tucholskys Spuren

Tucholsky - aussen, TagIn der Tram Linie 1 sehe ich am Samstagmittag nur aufgeschlagene Stadtpläne, höre Leute telefonieren, sehe sie Smartphones oder iPads wischen, im Gedränge dazu babylonisches Sprachgewirr. Ein internationales Kleinkind heult, die Mutter schimpft. Ich muss hier raus – an die Luft. Am Rosenthaler Platz verlasse ich das umweltfreundliche Verkehrsmittel und mache mich auf den Weg. Strahlenförmig gehen die Straßen von diesem Platz in jede Himmelsrichtung ab. Als Berliner weiß ich natürlich, dass ich ab „Mitte“ immer von sehr viel Geschichte begleitet werde. Daher entscheide ich mich heute für die Torstraße.

Tucholsky - BildIm ehemaligen Scheunenviertel haben sich viele Dienstleister und Einzelhandelsgeschäfte angesiedelt, darum erstaunt es mich nicht, dass ich hier in einem ITALIENISCHEN Abschnitt mit Tucholsky - Buecherentsprechender Buchhandlung, mehreren Restaurants und einer Galeria gelandet bin. „Little Italy“, fast wie in New York. Aber so weit wollte ich heute gar nicht. Das Weltläufige wollte ich in der Tram lassen und mich einem Berliner Genuss hingeben: einem guten, bürgerlichen Essen, dazu eine Molle. Ich gehe an einem verschnarchten Werbebüro vorbei, an dessen Eingangstür ein müder Zettel klebt. Der Hinweis „BITTE LAUT KLOPFEN“ spricht für die Haltung der Crew. In der Zeitung las ich, dass die Arbeitswelt anders funktioniert. Doch was wird nicht alles geschrieben …..

Tucholsky - Gastraum 2Auch in dieser Gegend wurde viel geschrieben und darum nennt der Inhaber eines urgemütlichen Berliner Restaurants, Lutz Keller, sein Etablissement TUCHOLSKY. Die gleichnamige Straße ist nur ein paar Schritte weit entfernt, aber geboren wurde der Journalist und Schriftsteller einige Ecken weiter in Moabits Lübecker Straße. Dr. Kurt Tucholsky (1890 – 1935), der gelernte Jurist, war viel lieber Schriftsteller, Satiriker und Kabarett-Autor. Aber der Schornstein musste rauchen. Und wenn seine Veröffentlichungen in der WELTBÜHNE oder dem ULK nicht genug Bares für den Gasthaus-Besuch einbrachte, musste er sich mal wieder um eine Mandantschaft kümmern. Im TUCHOLSKY in Tucholsky - Tresender Torstraße sind die Wände der Gasträume mit Auszügen aus diesen Zeitschriften tapeziert und mit Fotos vom Meister der Satire ergänzt, der auch gerne unter Pseudonymen schrieb. Kaspar Hauser, Peter Panther, Theobald Tiger, Ignatz Wrobel waren seine Decknamen.

Der Verfasser von „Rheinsberg“ und „Gripsholm“ ist den Berlinern immer noch ein Begriff, vor allem, wenn die Erinnerung an die geliebte Berliner Küche dabei mit half. „Tucho“ liebte das Essen „wie bei Muttern“, er aß besonders gerne Kalbsleber mit gerösteten Apfel- und Zwiebelscheiben, dazu Kartoffelmus.

Im gemütlichen Gasthaus mit seinem Namen werden Melodien aus seiner Zeit zum Essen serviert. Stars der alten Kinowelt, der 20er und 30er Jahre treten hier noch einmal Tucholsky - Gastraumauf. Zarah Leander zur Erbsensuppe mit Knacker: „Derrrr Wind hat mir ein Lied errrrzählt“ wird bei Hülsenfrüchten und Kohlgerichten gerne aufgelegt. Die Speisekarte in diesem Restaurant ist vielfältig, berlinisch und gut konzipiert. Das Essen wird frisch gekocht, so dass ich mich bei gepökeltem Eisbein und Spreewälder Sauerkraut, dieser Musik und der netten Bedienung, die mir unerwartet ein Schälchen Rote Grütze spendiert, sofort einmieten möchte. Die Wände sprechen Bände, sie sind schön dekoriert, so dass „Tucho“ bei einer Molle mit Korn sicherlich gerne hier sitzen würde, um über das schnöde Leben Tucholsky - Servicezu reden. Die anderen Gäste sollen ruhig ihre Riesen-Kohlroulade, ihre Soljanka oder ihre Roulade mit Apfelrotkohl essen! „Tucho“ liebte auch Havelländischen Zander mit Gurkensalat und vor allem Salzkartoffeln, wozu gar nicht recht passen will, was gerade an alten Liedern aus dem Lautsprecher dröhnt: „Unter den Pinien von Argentinien habe ich mich in dich verliebt … unter den Kakteen ist es dann geschehen … bei den Zypressen habe ich Dich vergessen“. Ich amüsiere mich und nehme daraufhin für den Heimweg noch eine frisches Berliner Pils und denke an Tucholskys Worte: „Und darum wird beim happy end im Film gewöhnlich abgeblend“.

Restauration Tucholsky
Torstraße 189
10115 Berlin
Tel.: 030 – 281 73 49
Geöffnet:
täglich von 12:00 Uhr bis 23:00 Uhr

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