Berliner Brücken-Silvester

Ich hoffe sehr, Sie hatten ein fröhliches Weihnachtsfest. Alle Geschenke haben dankbar und mit Herzensfreude den verdienten Abnehmer gefunden und kein zerknüllter Geschenkpapierfetzen liegt noch irgendwo rum. Auch die Schere liegt wieder sicher in der Schublade. Dann dürfen Sie jetzt mit Ihren Geschenken spielen! Doch verpassen Sie den Wechsel ins neue Jahr nicht, am Sonnabend ist es wieder soweit: Silvester! Wissen Sie eigentlich schon WO und vor allem MIT WEM Sie diese Feuerwerksnacht verbringen wollen? Dann wird es Zeit. Weiterlesen

Mac und Minze

In welchen Kulttempel bin ich denn heute geraten? Angelockt werde ich vom Traffic vor der Tür. Kleine Gruppen, die rauchend, gestikulierend hin und her trippeln, rein- und rausgehen, ihre Pudelmütze mal auf links drehen oder sich im Halb-Koma an eine der großflächigen Spruchtafeln lehnen, die um die gesamte Ecke herum die Hauswände zieren. Halb verdeckt von einem Jung-Menschen lese ich dort: DAS LEBEN IST KEIN PONYHOF. Das ist mir bekannt, darum traue ich mich ins Innere des Ponyhofes, der sich „St. Oberholz“ nennt. Er befindet sich direkt am Rosenthaler Platz in Berlin-Mitte und ist wirklich nicht zu übersehen. Ich staune über den hohen Raum mit den großen Fenstern und den ungewöhnlich dekorativen Oberlichtern, über die schöne alte Holztreppe, die zum weiteren Gastraum auf der Empore führt. Noch mehr staune ich aber, weil fast an jedem Tisch jemand sein MAC-Book bearbeitet und dabei immer auf das daneben liegende Smartphone schielt. Diese Ausrüstung scheint hier die Eintrittskarte zu sein. Wie gut, dass ich meinen alten Schlepptop nicht dabei habe! Hoffentlich ruft mich niemand an, denn wenn ich mein unmodernes Handy zücke, fliege ich wahrscheinlich raus. Aber vorher stelle ich mich brav am Tresen in die Reihe und erwerbe einen Café Americano und ein Stück vom göttlichen New York Cheese Cake. Danach brauche ich keines der angebotenen Tagesgerichte mehr. An den Wandtafeln lese ich, dass es schon ab 3,- € etwas Warmes zu essen gibt. Salate, Suppen, Desserts, Kuchen – alles selbstverständlich auch to go! Vom Lachs-Frischkäse-Bagel bis zum Vollkornbrot mit Quark oder ChickenCurry ist für jeden etwas dabei. Das coole Personal gibt Essen und Getränke aus, kassiert und räumt später mal ab. Aber holen muss man sich die Sachen schon selbst.

Ich balanciere mein Tablett nach oben. Hier habe ich einen schönen Blick auf den betriebsamen Rosenthaler Platz und finde eine Lücke zum Sitzen neben einer hübschen Dunkelhaarigen, die intensiv die Tasten bewegt. So, wie alle anderen auch. Hier wird also schwer gearbeitet. Oder liest da etwa jemand die Sportnachrichten? Ist das hier wirklich ein freies Café oder doch ein Workshop der Humboldt-Uni? Vom outfit her könnten sie alle Studenten sein oder Freie Kreative, was ja heutzutage fast dasselbe ist. Der kostenlose Internetzugang lockt sie an! Manch eine/r arbeitet hier stundenlang und konsumiert dabei ein Glas Tee aus frischer Minze. Dieses dekorative Getränk kommt häufig vor. Ob der Wirt hier wirklich „seinen Schnitt“ macht? In den Öffnungszeiten zwischen 8 und 24 Uhr soll wohl etwas hängenbleiben, denn abends wird intensiv gegessen und auch feiner Wein getrunken … Die 120 Plätze innen (und 50 im Sommer draußen) mögen es bringen! Außerdem lese ich auf dem ausgelegten Flyer, dass 2 neo-mondäne Altbauwohnungen in den Obergeschossen vermietet werden, dazu kann man sich im KoWorking-Büro einmieten. Alles in einem Haus. Essen, Trinken, Chillen, Schlafen.

Im ersten WLAN-Café Berlins hat also die digitale Bohème ihre Heimat gefunden. Alle sind intensiv mit sich und ihren Geräten beschäftigt. Ein angenehmer Klangteppich hüllt sie ein. Ob diese Musik meine Nachbarin stört? Diese Frage soll mir helfen, mit ihr in Kontakt zu kommen. Ganz überrascht schreckt sie sofort hoch und widmet sich mir. Zwischen Latte und Laptop erfahre ich, dass sie Russin ist und Violetta heißt. Sie schreibt hier öffentlich an ihrer Dissertation, um der häuslichen Isolation zu entkommen. Meist kommt sie vormittags, weil dann immer ein Platz zu ergattern ist. Man trifft hier ohne Verabredung Freunde und Bekannte. Das werde ich bald mal testen. Vielleicht kann ich ihr ein Stück vom „Russischen Zupfkuchen“ spendieren?

Im unteren Café-Bereich ist es inzwischen so voll, dass ich mir mühsam den Weg zur Tür bahne. Draußen stelle ich mich zu den Nerds von Sankt Oberholz und lese noch einen anderen Spruch an der Wand: VERTEILE DAS FELL DES BÄREN ERST, WENN ER ERLEGT IST. Stimmt!

St. Oberholz
Rosenthaler Str. 72A
10119 Berlin
Tel.: 030-240 855 86
Mo. bis Do.: 8 bis 00 Uhr
Sa.: 8 bis 02 Uhr
So.: 9 bis 00 Uhr

Wo sind die bösen Buben?

In der Berliner Marienstraße, wo eine Bar nach ihnen benannt wurde, sind sie jedenfalls nicht. Ich habe dort nur nette Leute getroffen und so viel geredet, wie schon lange nicht mehr. Eine Kneipe, wie ich sie mir immer gewünscht habe, in der ich mit Leuten schnell ins Gespräch komme. Ich fühle mich so wohl in diesem Alt-Berliner Ambiente mit den urigen Holztischen, die auch schnell für eine Gruppe zusammen geschoben werden, mit den Kerzenhaltern an den Wänden und auf den Tischen. „Gemütlich“ wäre das richtige Wort, das heute keiner mehr hören will, weil ja alle „cool“ sind. In der BBB (BöseBubenBar) dürfen sie alle ALLES sein: Geschäftsleute, die Schauspieler von den nahen Theatern (Deutsches Theater, Kammerspiele, Berliner Ensemble) die angehenden und völlig fertigen Ärzte der Charité, die Menschen aus dem Regierungsviertel, die Studenten, vorwiegend von der Humboldt-Uni, die kulturinteressierten Touristen, die stimmgewaltigen Kantoren aus dem Berliner Dom, genau so wie die kleine Stadtmaus. Ein solches Konglomerat habe ich lange nicht angetroffen. Jeder versucht seine Geschichte zu erzählen, ich auch. Das HAUSBIER (Burgunder Pils) lockert die Zunge und die kleinen Kneipenspeisen stimmen den Magen freundlich und alkoholbereit: 2 köstliche Buletten mit Senf + Brot 3,20 € … mit Kartoffelsalat etwas teurer 5,- €; ein Paar Wiener oder Bockwurst mit Brot + Senf 3,20 € … mit Kartoffelsalat ebenfalls 5,- €; Suppenteller (heute Kürbis mit Ingwer) 2,50 € … Suppenschüssel 4,- €; der Renner: Quiche in allen Variationen 3,- €.

Wie überall gibt es auch hier die täglich wechselnde Spezialkarte, mit der ich mich heute nicht lange aufhalte. Kommen Sie selbst, probieren Sie einfach mal Berlin aus, es ist spannend! Und sollten Sie nicht zu den Nachtschwärmern gehören, dann frühstücken Sie doch ab 9 Uhr hier.

Heute ist Donnerstag, die Bude ist rappelvoll. Gäste aus DDR-Zeiten stapeln sich genau so wie Weggezogene, die zum Plausch über alte Zeiten kommen, genau so wie die Neu-Ankömmlinge, die noch keine geistige Heimat gefunden haben. Die allein Gekommenen können sich der Bibliothek der BBB bedienen, denn die Wände sind voller Bücher für alle Leserichtungen. Wer abtauchen will, kann so tun, als würde er „Werthers Leiden“ lesen und wird nicht zum Gespräch gezwungen. Er/Sie kann zum Getränk auch einfach nur der Musik lauschen und manchmal auch einem Vortrags-Künstler, der im Feuerstuhl auf der kleinen Empore etwas zum Besten gibt: Gruseliges, Philosophisches, Heiteres und Erotisches, alles kommt zum Zug.

Nach diesen Donnerstag-Stunden stimme ich in das Loblied ein: dies ist ein herrlicher Platz, der sogar für Minderheiten ein Herz hat, denn es gibt eine richtige RAUCHER–LOUNGE, die angenehm möbliert ist, in der man die Absicht nicht spürt, sondern genussvoll rauchen kann. Hier erfahre ich von einem alten DDR-Mitraucher, dass es diese Lokal-Bar schon lange gibt. Zu DDR-Zeiten hieß sie bieder „Marienstübel“ und bis vor kurzem lockte noch ein rotes Ledersofa, in dem man bei Wein und Bier, zu zweit oder dritt, so herrlich „absacken“ konnte. Zwei Sessel stehen heute dort als Ersatz.

Zu dieser Zeit ist jeder Weg ein Heimweg. Ich greife nach der Jacke, knote meinen Schal und mache mich nach interessanten Gesprächen, Getränken und wach gewordenen Erinnerungen auf den Weg über die Spree. Gehe über die Weidendammer Brücke zum S-Bahnhof Friedrichsstraße und versuche nicht als Böser Bube zu gelten, sondern denke an den Hinweis, dass hier vor 100 Jahren lediglich Kabarettisten zusammentraten, die sich BÖSE BUBEN nannten und gerne Leichtlebiges zur Nacht darboten – aber ich denke auch an Reinhard Lakomys Songtext: „Abends geh’n wir in die BöseBubenBar. Und dann beschaffen wir uns ein riesengroßes Fass. Da war ich das letzte Mal vor einem Jahr. Steht denn das Billard noch? Darauf war ich ein Ass“.

Das gute Klima in dieser Stube kann ich nur jedem empfehlen, der sich mal im „Miljöh“ bewegen möchte und dabei noch einen Promi-Faktor absahnen kann, denn nicht nur in der Vergangenheit waren hier viele prominente Leute zu Gast. Ob Sie wollen oder nicht: zur Not treffen Sie hier auf Frau Merkel oder ihren Friseur.

Jedenfalls freue ich mich heute schon auf das kommende Frühjahr, das hier auf der Trottoir-Terrasse, mitten auf der Marienstraße vor mir und mit den BÖSEN BUBEN begangen wird. Dann sitzen wir in der Sonne am Mittagstisch und blinzeln den Passanten zu.

BöseBubenBar
Marienstraße 18

10117 Berlin
Tel.: 030/275 969 09
Mo. bis So.: 9 bis 24 Uhr

Nordsee an der Ostsee

Hier staunt der Berliner aber gewaltig: Dit jiiebs doch nich …! Doch, doch, auf einer der zentralen Flächen von Kiel, am Alten Markt, zwischen Hauptbahnhof und NIKOLAI-Kirche. Ganz nah am Ostsee-Ufer kann dort die Landratte frischen Fisch essen. Das große Schaufenster ist mit verlockenden Fischbrötchen gefüllt, die man im Straßenverkauf erwerben kann, um sie auf dem Weg zu den Skandinavien-Kais zu verzehren. Die riesigen Fährschiffe werden von Möwen umschwärmt, die sicher gern mal in den Matjes, den Bismarckhering oder das Aalfilet picken würden.

Nordsee9-aDie Speisen in diesem Selbstbedienungs-Restaurant sehen herrlich frisch aus. Herausragend ist ein bunter Salat (mit Thunfisch oder Garnelen), der in einer Schüssel aus Brotteig serviert wird (5,95 €). Tolle Idee! Aber ich habe Lust auf heißen Fisch, der vor meinen Augen gebraten wird. Rotbarschfilet mit Kartoffelsalat soll es für mich sein! Ich darf mir einen Platz aussuchen, meinen Weißwein schon mal festhalten – und nachdem ich bezahlt habe, werde ich informiert, dass mir das Essen sogar gebracht wird. Ohne Aufpreis. Chic und blitzsauber sieht das Personal in der blau-weißen Arbeitskleidung aus. Die Einrichtung ist hell und freundlich, zweckmäßig. Das Wort „hygienisch“ kommt mir in den Sinn. Die Erinnerung an Lebensmittelskandale hat hier keinen Platz! Wie schön.

Auch meinen Nebengästen scheint es hier zu gefallen. Mutti isst am großen Tisch „Großmutters Schellfisch mit Senfsauce und Salzkartoffeln“ für 8,45 €. Die kleine Tochter malt an einem Kinder-Tisch, auf dem alles kindgerecht bereitliegt: Papier, Stifte, Malbücher, dazu kaut sie an einem typischen NORDSEE-Roggenbrötchen, das hier in Fischform gebacken wird. Aufmerksam. Die uns allen bekannten Fischstäbchen sind natürlich auch im SB-Angebot. Mit Mayo oder Ketchup, Fritten oder Kartoffelsalat – Käpt’n Blaubär würde sich freuen!

In den Fischbratküchen gab es früher außer Bier und Selters maximal noch Fassbrause oder Kaffee für die Damen. Heute ist das Getränke-Angebot so umfangreich geworden, dass man zum feinen Fisch auch zwischen verschiedenen Weinsorten wählen kann. Aus dem Kännchen Kaffee ist die große Palette der Spezialitäten geworden. Und selbstverständlich ALLES auch „to go“ in stabilen, schönen Verpackungen. Die ausgedehnte Pause in der „NORDSEE an der Ostsee“, die ich mir im Schatten der NIKOLAI-Kirche nebenan gönnte, war geschmackvoll – eine gute Empfehlung wert! Was ich hier mit einem schnellem AHOI an Sie weitergebe.

NORDSEE,
Alter Markt 17,
24103 Kiel
Tel.: 0431-93849
Mo. bis Sa.: 10 bis 18 Uhr

Guten Morgen Frau Bäckerin!

Sehen Ihre Kunden auch so ausgeschlafen aus wie Sie? Wie bringen Sie das alles nur unter einen Hut? Im wohl kleinsten Café Berlins haben Sie alles auf nur 20 Quadratmetern zusammengebracht: eine Backstube, eine Konditorei, eine Küche, eine Vorratskammer, ein Café, ein Bistro und eine Kita.

Wirklich, man ahnt, dass Sie vom Fach sind, denn jede Bewegung muss sitzen und effektiv sein. Während Sie die eindrucksvolle Kaffeemaschine „Brasilia“ bedienen, schmilzt auf dem kleinen Herd schon die dunkle Schokolade für die beliebten Brownies, die Sie nebenbei backen werden. Aber vorher müssen Sie schnell das Blech mit dem Mandelkuchen aus dem Ofen ziehen.

Gleich lassen sich die ersten Frühstücksgäste etwas Feines von Ihnen zusammenstellen. Von allem etwas: von herzhaft bis süß wird alles nach Wunsch gemacht, komplett für 6,50 €. Wer zur Mittagszeit reinschneit, kann sich auf das Tagesangebot freuen; ab 3,- € gibt es hier eine warme Speise. Heute: Gefüllte Paprikaschote mit Basmati-Reis. Alles selbst gemacht! Ich staune weiter ………. Kuchen, Torten, Quiches, Tartes, belegte Bagels und Ciabatta, Kekse, Waffeln und Brownies bieten Sie in der Zeit von 10 bis 18 Uhr an. Frühstück und Mittagessen gibt es ebenfalls zeitlos. Die Preise stehen groß und deutlich auf zwei Schultafeln an der Wand. „Aber um 18 Uhr ist dann wirklich Feierabend, dann muss ich mich um Mattis kümmern“, sagen Sie strahlend und freuen sich auf Ihr 18 Monate altes Söhnchen. Der wird vermutlich bald mit den anderen Kindern an der Bar sitzen und ein „Waffel am Stil mit Schoko und Streusel“ für 50 Cent bestellen. Diese Herz-Waffeln sind der Hit, dafür kommen die Kinder mit ihren kaffeetrinkenden Eltern in Scharen. Die Tartes „Rote Grütze mit Schmand“ und Pflaume-Mandel darf ich probieren. Sehr gelungen. Ich schmecke die Butter heraus, 3 Konditormützen für Sie!

Sie haben ein sehr familienfreundliches Café in Berlin-Schöneberg installiert, dem ich weiter viel Erfolg wünsche, denn diesen kleinen hübschen Ort mit seinen hohen Holztischen und vielen Spiegeln an den Wänden gibt es ja erst seit März diesen Jahres. Sie sind gelernte Hotelfachfrau und haben jahrelang in der Nacht-Gastronomie gearbeitet; jetzt haben Sie Ihren Arbeitsplatz ins Tageslicht verlegt. Haben Sie sich schon daran gewöhnt? Ach, es ist schon wieder dunkel draußen? Na, dann bleibt ja alles beim alten. Ich kaufe noch ein frisches Landbrot, das Sie aus dem Umland beziehen und gehe nach Hause. Abendbrotzeit.

Frau Bäckerin
Tessa Jacobsen
Eisenacher Straße 40
10781 Berlin
Tel.: 030-680 74 565
Mo. – Fr.: 8 bis 18 Uhr
Sa. + So.: 9 bis 18 Uhr