Puccini bei ALDI

Es lag kein Brot mehr im Korb. Ich griff hastig zum Schlüssel, rannte treppab. Zu ALDI war es nicht weit. Links neben dem Eingang nahm ein Mann mit einer Gitarre Platz. Ich war nicht der letzte Kunde. Eine Mutter schob vor mir ein Kind im Einkaufswagen durch die Tür; ich überholte sie und umkurvte einen müden Mann. Den kürzesten Weg zum Brotstand kannte ich. Ja, die“Bauernschnitte“ lag wie immer an ihrem Platz. Ich griff danach – schielte zum Preis, 59 Cent. Passt. Das Band vor mir an der Kasse ruckte. Mein einsames Brotpaket flog über den Scanner. Ich zahlte. „Juten Tach noch“ gab mir die Kassiererin mit auf den Weg – na schön, den wünschte ich mir auch, nur war so spät am Tag noch etwas zu erhoffen?
Ich wurde nicht enttäuscht Als ich aus der Tür trat, spürte ich plötzlich keine Eile mehr -denn ich hörte Puccini. Der Mann mit der Gitarre links am Eingang zupfte eine Musik, die mir bekannt vor kam. Ich blieb stehe
n und sah ein Lächeln auf seinem Gesicht. Wurden die Töne höher, schloss er die Augen. Ich trat näher, wollte mehr hören und wissen. „Das war doch aus Tosca“ erinnerte ich mich. „Da, da“ war seine Antwort. Jetzt zauberte er die bekannte Arie aus Rigoletto mit seinem Wunder-Instrument: „La donna è mobile ….“. Ich war versucht, mitzusingen. Er spielte voller Hingabe, wiegte sich und die Gitarre in die Klänge – ich begriff, jetzt war nur Verdi wichtig!Vor uns kamen die späten Kunden aus dem Supermarkt, sie schoben ihre klappernden Einkaufswagen, bis sie ihn als letzten leer und klirrend in die Wagenkolonne rammten.Es klickte und die Einkaufs-Euros sprangen aus der Falle. Leider verirrte sich keiner in die Schale des Musikers.

Dieser Mann machte mich neugierig auf seine Herkunft. Auf meine Fragen suchte er nach deutschen Wörtern. Er hieße David und komme aus Tiflis in Georgien, er lebe mit seiner Familie schon seit 10 Jahren im Berliner Wedding, sagte er. Ich bat ihn, er möge weiter spielen, ganz wonach ihm sei. Sein rechter Fuß begann zu wippen und gab den Rhythmus zur Habanera aus Bizets „Carmen“. Ich schmolz dahin.

Danach erzählte David mit schmalen Lippen seine Geschichte weiter. Er sei evangelischen Glaubens und in Georgien gäbe es heftige Konflikte zwischen Protestanten und Orthodoxen – deshalb sei er mit der ganzen Familie hierher gezogen. Es gehe ihnen aber gut, nur sein Rücken mache ihm etwas zu schaffen. In Tiflis war er Chordirigent und seine Frau Opernsängerin. Sein Sohn studiert hier in Berlin Musik und seine Tochter auch. Und sein Schwiegersohn, nun ja, er wiegte den Kopf – er ist ein guter Junge.

Die allerletzten Kunden trugen nun ihre großen Tüten zum Auto, zum Rad, oder gingen in Richtung Heim und Herd. Wir blieben. Und mein neuer Bekannter überraschte mich mit „Summertime“ aus „Porgy end Bess“ von Gershwin; er sang dazu. Herrlich! Das gefiel auch einem jungen Pärchen, denn die beiden warfen ihm klirrende Münzen in die Schale. David dankte mit freundlichem Nicken, zu mehr war keine Zeit, denn er verliebte sich gerade neu in seine georgische Seele, schaukelte sich mit seiner Gitarre ans Schwarze Meer mit: „Vetscherni zvon …“.

„Kochst Du im Wedding georgisch? David hörte auf zu spielen. „Aber ja, wir essen doch auch hier unsere Gerichte, zu den Lieblingsspeisen zählt das „Chatschapuri“, das ist ein Käsebrot aus Hefe- oder Blätterteig, was in der Pfanne gebacken wird. Nüsse dürfen nicht fehlen, wie auch beim „Saziwi“, einer Speise aus Zwiebeln, Kräutern, Knoblauch und Walnüssen – die zu kaltem Fleisch gegessen wird.

Der Parkplatz war leer, kein Rad stand mehr im Ständer. David schaute mich an und sprach von Aufbruch. Er griff noch einmal zur Gitarre und spielte Schubert, das „Ave Maria“. Ich legte einen Schein in die Schale. „Wir sehen uns wieder“, sagte ich im Weggehen. „Gerne!“, rief David, „ich spiele auch sonntags in der Evangelischen Kirche in der Cantianstraße im Prenzlauer Berg Klavier“. So stieg er dann aufs Rad mit seiner Gitarre und ich winkte ihm mit meiner Brottüte hinterher.

ALDI
Esplanade 9
13189 Berlin
Geöffnet:
Mo. – Sa.: 8 bis 20 Uhr

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