Dieses JERUSALEM

Liegt nicht in Israel, denn ich meine das schöne Bistro in den Hamburger Kammerspielen, in der Hartungstraße, Rotherbaum, Bezirk Eimsbüttel. Hier und im angrenzenden Grindelviertel war in den Anfängen des 20. Jahrhunderts das Zentrum der Jüdischen Gemeinde. Nach den leidvollen Jahren des 2. Weltkrieges eröffnete die Prinzipalin Ida Ehre das Theater 1945 wieder. Dieses „Theater der Menschlichkeit und der Toleranz“ wurde inzwischen umgebaut und modernisiert, so konnten die stilvollen Räume entstehen, in denen das neue, stimmungsvolle und schön eingerichtete Bistro-Restaurant untergebracht ist, das im September 2010 eröffnet wurde.

An erster Stelle soll darum das 3-gängige Theater-Menü für 25,- € genannt sein, mit oder ohne Theater-Vorstellung. Heute gab es zuerst eine Fischsuppe mit Croutons und Safran-Mayonnaise, danach See-Hecht auf Brennnessel-Schaum mit Tomaten-Ragout/wahlweise PfifferlingsRisotto mit kleiner Kalbsleber. Das Dessert könnte eine kleine Rohmilch-Käse-Auswahl sein oder eine ebenso typisch-französische Dessert-Variation: Mousse au Chocolat, Crème Brulée, Tarte aux pommes. Ein besseres kulinarisches Begleitprogramm kann man sich für einen Chansonabend kaum vorstellen, an dem Dominique Horwitz die Lieder von Jaques Brel singt.

Die Küche ist durchaus französisch orientiert und hat einen eleganten, festen Platz zwischen allen internationalen Anbietern hier in der Gegend, in der ich iranisch, vietnamesisch, türkisch, usbekisch, italienisch, spanisch und auch vegetarisch essen kann. Ich versprach dem freundlichen Personal, am nächsten Tag noch den Mittagstisch auszuprobieren, um mich im lichtdurchfluteten Nebenraum, dem „Künstlertreff“, mit Blick auf die Hartungsstraße (herrlich renovierte Gründerzeit-Häuser, Buchläden, Second-Hand-Kleidung-, Juwelier- und Kunsthandwer-Geschäfte) und ihr vorbei eilendes, buntes Publikum, niederzulassen. Auch hier in der „Nebenstraße“ kann die Mittagskarte sich sehen und schmecken lassen. Alle Gerichte zwischen 6,- und 8,50 €. Ich entschied mich für prochierten Kabeljau mit Fenchelgemüse und Kartoffeln. Eine unglaubliche Ergänzung zum Fenchel: die köstliche Pastis-Sauce. Der Koch hat den richtigen Beruf gewählt! Von ihm lasse ich mich gegen alle Regeln in der Mittagszeit zu einem Glas Weißwein überreden, das der Gast für schmales Geld bestellen kann. Es muss ja nicht gleich ein halber Liter sein, denn man will sich ja mittags noch nicht betrinken.

Noch ein Blick auf die anderen Gäste, die auf der Veranda Platz genommen haben: hier werden französische Bistro-Klassiker gegessen: Blutwurst mit Zwiebeln und Calvados-Apfelspalten oder Käse-Suppe mit gerösteten Pinienkernen. Alles duftet verführerisch und ich mag mich kaum lösen, denn jetzt kommen die Schauspieler von der Probe. Auch sie haben Mittagspause und Hunger! Ich muss schnell weiter, gehe an der renovierten TalmudTora-Schule vorbei, gleich daneben werde ich an die ehemalige Synagoge am Bornplatz erinnert, deren Grundriss mit Pflastersteinen nachgezeichnet wurde, wechsle die Straßenseite und verabschiede mich vom Jüdischen Viertel mit einem Gang durch die „Rutschbahn“ (welch schöner Name für eine Straße), um mir noch eine ehemalige Synagoge in einem Hinterhof anzusehen, in der heute ein Bildungsträger untergebracht ist. Es finden natürlich heutzutage keine Gottesdienste mehr statt – in denen früher an dieser Stelle manch berühmter jüdischer Kantor gesungen hat. Aber ein altes jiddisches Sprichwort ist geblieben: „Singen kann ich nicht, aber ich weiß Bescheid.“

Bistro JERUSALEM
Hartungstraße 9-11
20146 Hamburg
Tel.: 040-496977
kontakt@bistro-j-de

0 Gedanken zu „Dieses JERUSALEM

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.