Vorstadt-Rotkäppchen

Das Märchen der Brüder Grimm hat hier nicht Pate gestanden, sondern die Kopfbedeckung, die „roten Käppis“ der amerikanischen Besatzungssoldaten nach dem 2. Weltkrieg. An diesem Ort wird also schon seit vielen Jahrzehnten bei unterschiedlichen Wirten getrunken. Zugegeben: die Märchen-Erinnerung ist viel angenehmer und bei der richtigen Beleuchtung wirkt das Haar der Wirtin rötlich. Karen war vormals Akt-Modell in Berlin; angekleidet leitet sie nun schon lange diese Bremer Institution in der Östlichen Vorstadt, genannt: Ostertor-Viertel. In der Zeit der knappen Wörter einfach nur VIERTEL genannt. Eine Heimat für viele unterschiedliche Menschen und ihre Grundbedürfnisse: essen, trinken, sabbeln, gucken, gesehen werden, wichtig sein oder auch unsichtbar bei einer Tasse Kaffee zu 1,90 € glatte 3 Stunden über dem Laptop hängen. Natürlich will nicht jeder das Monatsgehalt oder das Transfer-Einkommen hier verballern, aber möglich wäre es. Man wünscht sich, dass in diesem Eck-Restaurant, Bistro, Kneipe, Bar und Beratungsstelle die Nahrungskette niemals unterbrochen wird, auch wenn der Koch mal schlafen muss. Seine süßen und salzigen Crêpes aus Weizen oder Buchweizen mit Füllungen wie im Märchen sind kaum zu übertreffen. Von 2,90 € bis 7,40 € können hier fast alle Geschmacksrichtungen berücksichtigt werden. Maronencreme mit geschmorten Apfelscheiben hat er genau so gespeichert wie Gorgonzola, Kapern, Ziegenkäse, Lauch, Shrimps oder Hähnchenbrust. Spiegelei oben drauf? Natürlich. Plus 1,20 €. Pfeffer und Salz umsonst.

Das Brot wird selbst gebacken und kommt nicht nur zum rasanten Frühstücks-Buffet auf den Marmortisch, sondern auch zu den delikaten Abendspeisen. Am Nebentisch bestellt sich eine schrille Ostertor-TypeBruschetta al pomodore mit Ziegenkäse“. Wir kommen über diese Köstlichkeit ins Gespräch. Danach folgt ein „Salatteller mit gefüllten Lammhackbällchen“ zu 9,50 €. Ich begnüge mich mit einem Hauptgericht aus der Abendkarte: „Zweierlei Fischfilet mit Zitronengras-Kokossauce an Salat“, dazu das berühmte Brot und Kräuterbutter – herrlich; ich muss langsam essen und viel Grünen Veltliner dazu trinken. Am Nebentisch wird stilvoll ROT getrunken: Anarkos aus Apulien wird häufig nachbestellt und ich lass mir erzählen, dass der Wein nach reifen Brombeeren, die trocken, saftig-frisch rüberkommen, schmeckt. Na gut, die Wirtin empfiehlt mir jetzt noch ein Parfait mit Datteln, Birnen und Calvados, dann widme ich mich bei „Espresso Coretto“ und dem Dessert weiter der Galerie der Abendgäste.

Gerade ist die Lampenhändlerin von „ANTITICK“ gegenüber erschienen. Wenn bei ihr das Licht ausgeht, liest sie hier donnerstags immer umsonst den „STERN“. „Das Geld gebe ich lieber für frisch gezapftes Bier aus“, sagt sie, denn hier ist BEXXTown: der Halbe für 3,60 €. Heute haben ihr aber andere Gäste das geliebte Magazin weggeschnappt und sie blättert etwas beleidigt im ÖKOTEST.

Ab 21:00 Uhr wird gnädig das Licht gedimmt. die Rotkäppchen-Generation geht eine Station weiter, die Wölfe und die (jungen) Großmütter bleiben. Nach der großen Abendessen-Welle er-scheinen die Bratschen, Flöten und Geigen, um sich nach Konzerten bei Rotkäppchen-Sekt (3,70 €), Roibooschtee natur (1,90 €), Jägermeister (1,90 €) oder einer Flasche Veuve Cliquot Ponsardin (84,- €) zu entspannen. In Bremen sind die STADTMUSIKANTEN zuhause! Dicht neben den Geigenkästen sitzt noch immer dieser Nightmare mit seinen 5 Jutebeuteln. Er bringt seinen Teebeutel mit und bekommt für 1,- € das heisse Wasser geliefert. Wo gibt es das noch? Im:

ROTKÄPPCHEN,
Am Dobben 97
28203 Bremen

Montag bis Freitag: 9:00 bis 2:00 Uhr;
Samstag, Sonntag, Feiertage: 10:00 bis 2:00 Uhr
Küche: täglich 11:30 bis 1:00 Uhr nachts
Tel.: 0421-75446

ANTITICK
Lampen und Leuchten
Auf den Häfen 4
28203 Bremen

www.antitick.de

0 Gedanken zu „Vorstadt-Rotkäppchen

  1. Ja, ich kenne die Ecke, war einige Zeit in Bremen. Schade, bin jetzt weit weg .. Aber das Rotköppchen wird wohl auch im nächsten Jahr nicht vom Wolf gefressen sein ..

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