Wo sind die bösen Buben?

In der Berliner Marienstraße, wo eine Bar nach ihnen benannt wurde, sind sie jedenfalls nicht. Ich habe dort nur nette Leute getroffen und so viel geredet, wie schon lange nicht mehr. Eine Kneipe, wie ich sie mir immer gewünscht habe, in der ich mit Leuten schnell ins Gespräch komme. Ich fühle mich so wohl in diesem Alt-Berliner Ambiente mit den urigen Holztischen, die auch schnell für eine Gruppe zusammen geschoben werden, mit den Kerzenhaltern an den Wänden und auf den Tischen. „Gemütlich“ wäre das richtige Wort, das heute keiner mehr hören will, weil ja alle „cool“ sind. In der BBB (BöseBubenBar) dürfen sie alle ALLES sein: Geschäftsleute, die Schauspieler von den nahen Theatern (Deutsches Theater, Kammerspiele, Berliner Ensemble) die angehenden und völlig fertigen Ärzte der Charité, die Menschen aus dem Regierungsviertel, die Studenten, vorwiegend von der Humboldt-Uni, die kulturinteressierten Touristen, die stimmgewaltigen Kantoren aus dem Berliner Dom, genau so wie die kleine Stadtmaus. Ein solches Konglomerat habe ich lange nicht angetroffen. Jeder versucht seine Geschichte zu erzählen, ich auch. Das HAUSBIER (Burgunder Pils) lockert die Zunge und die kleinen Kneipenspeisen stimmen den Magen freundlich und alkoholbereit: 2 köstliche Buletten mit Senf + Brot 3,20 € … mit Kartoffelsalat etwas teurer 5,- €; ein Paar Wiener oder Bockwurst mit Brot + Senf 3,20 € … mit Kartoffelsalat ebenfalls 5,- €; Suppenteller (heute Kürbis mit Ingwer) 2,50 € … Suppenschüssel 4,- €; der Renner: Quiche in allen Variationen 3,- €.

Wie überall gibt es auch hier die täglich wechselnde Spezialkarte, mit der ich mich heute nicht lange aufhalte. Kommen Sie selbst, probieren Sie einfach mal Berlin aus, es ist spannend! Und sollten Sie nicht zu den Nachtschwärmern gehören, dann frühstücken Sie doch ab 9 Uhr hier.

Heute ist Donnerstag, die Bude ist rappelvoll. Gäste aus DDR-Zeiten stapeln sich genau so wie Weggezogene, die zum Plausch über alte Zeiten kommen, genau so wie die Neu-Ankömmlinge, die noch keine geistige Heimat gefunden haben. Die allein Gekommenen können sich der Bibliothek der BBB bedienen, denn die Wände sind voller Bücher für alle Leserichtungen. Wer abtauchen will, kann so tun, als würde er „Werthers Leiden“ lesen und wird nicht zum Gespräch gezwungen. Er/Sie kann zum Getränk auch einfach nur der Musik lauschen und manchmal auch einem Vortrags-Künstler, der im Feuerstuhl auf der kleinen Empore etwas zum Besten gibt: Gruseliges, Philosophisches, Heiteres und Erotisches, alles kommt zum Zug.

Nach diesen Donnerstag-Stunden stimme ich in das Loblied ein: dies ist ein herrlicher Platz, der sogar für Minderheiten ein Herz hat, denn es gibt eine richtige RAUCHER–LOUNGE, die angenehm möbliert ist, in der man die Absicht nicht spürt, sondern genussvoll rauchen kann. Hier erfahre ich von einem alten DDR-Mitraucher, dass es diese Lokal-Bar schon lange gibt. Zu DDR-Zeiten hieß sie bieder „Marienstübel“ und bis vor kurzem lockte noch ein rotes Ledersofa, in dem man bei Wein und Bier, zu zweit oder dritt, so herrlich „absacken“ konnte. Zwei Sessel stehen heute dort als Ersatz.

Zu dieser Zeit ist jeder Weg ein Heimweg. Ich greife nach der Jacke, knote meinen Schal und mache mich nach interessanten Gesprächen, Getränken und wach gewordenen Erinnerungen auf den Weg über die Spree. Gehe über die Weidendammer Brücke zum S-Bahnhof Friedrichsstraße und versuche nicht als Böser Bube zu gelten, sondern denke an den Hinweis, dass hier vor 100 Jahren lediglich Kabarettisten zusammentraten, die sich BÖSE BUBEN nannten und gerne Leichtlebiges zur Nacht darboten – aber ich denke auch an Reinhard Lakomys Songtext: „Abends geh’n wir in die BöseBubenBar. Und dann beschaffen wir uns ein riesengroßes Fass. Da war ich das letzte Mal vor einem Jahr. Steht denn das Billard noch? Darauf war ich ein Ass“.

Das gute Klima in dieser Stube kann ich nur jedem empfehlen, der sich mal im „Miljöh“ bewegen möchte und dabei noch einen Promi-Faktor absahnen kann, denn nicht nur in der Vergangenheit waren hier viele prominente Leute zu Gast. Ob Sie wollen oder nicht: zur Not treffen Sie hier auf Frau Merkel oder ihren Friseur.

Jedenfalls freue ich mich heute schon auf das kommende Frühjahr, das hier auf der Trottoir-Terrasse, mitten auf der Marienstraße vor mir und mit den BÖSEN BUBEN begangen wird. Dann sitzen wir in der Sonne am Mittagstisch und blinzeln den Passanten zu.

BöseBubenBar
Marienstraße 18

10117 Berlin
Tel.: 030/275 969 09
Mo. bis So.: 9 bis 24 Uhr

2 Gedanken zu „Wo sind die bösen Buben?

  1. Toller Blog! Gefunden habe ich ihn über diesen Bericht über die Böse Buben Bar. Als „Stammgast“ durfte ich mir dort gestern die Geschichte der Bar und der „Namensgebung“ erklären lassen. Das fand ich so spannend, dass ich weiter recherchiert habe und dies fand. Sehr treffend beschrieben und da war auch noch Neues für mich zu lesen.

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