Beste Bohne im Niemandsland

Ein klirrend kalten Wintermorgen. Ich stehe auf dem Bahnhof Friedrichstraße und überlege, welches der vielen Kaffeeangebote im Bahnhof oder in der Nähe nehme ich heute wahr. Menschen schwirren kauend mit Kaffeebechern bewaffnet in alle Richtungen. Welchem Strom folge ich? Ich entscheide mich für den Weg über die Spree, über die Weidendammer Brücke, hin zur Dorotheenstadt, auf die Chausseestraße.

Ich winke auf der Brücke dem Reichsadler aus Gusseisen zu. Er rührt sich nicht. Ich gehe weiter geradeaus, die Coffeshops sind hier dünn gesät, dafür ist aber die Gegend schwer literaturhaltig. Vorbei am Haus, in dem einst Wolf Biermann wohnte, passiere ich den berühmten Dorotheenstädtischen Friedhof, auf dem unzählige Berühmtheiten ruhen und stehe vor dem ehemaligen Wohnhaus von Bertolt Brecht und Helene Weigel. Die Cafésuche als Kulturausflug! Aber ich halte mich wegen der Kälte nicht lange auf und gehe weiter. Die Chausseestraße wird bald zu einer kargen Landschaft, denn ich bin nach fast zwei Kilometern bereits in der Oranienburger Vorstadt, vorbei am U-Bahnhof Schwartzkopfstraße, der zu DDR-Zeiten ein Geisterbahnhof war. Aber über der Erde ist es hier auch ein wenig geisterhaft. Darum kommt mir der palastartige Bau mit der Hausnummer 94 auch unwirklich vor. In diesem „Ersten Kriegsvereinshaus“, das seit 1905 hier steht, ist aber nun das ersehnte Café.

Ich kann es kaum glauben, dass ich mein Ziel erreicht habe. Aufgrund der großen roten Leuchtschrift mit dem Wort JURA vermutete ich hier eine Fachbuchhandlung. Doch daneben steht über einem der bodentiefen Fenster „bénéfice-café“. Das Wort lasse ich mir nach dem zweiten Espresso macchiato von der freundlichen und französisch sprechenden Bedienung erklären. Es steht für „Genießen“. Ich folge der Aufforderung und richte mich auf einem der edlen schwarzen Ledersofas ein. Von hier aus habe ich einen guten Ausblick, aber es passiert recht wenig draußen auf der Straße. Hier war von 1961 bis 1990 der Grenzübergang Chausseestraße – das hat die Umgebung nicht vergessen. Obwohl es keine Laufgegend ist, scheinen die beiden Betreiberinnen, Mutter und Tochter Perschke, seit über 3 Jahren keine Not zu haben. Das Stammpublikum holt sich ab 7:30 Uhr das Frühstück und kommt auch gerne zur Mittagszeit wieder. Salate, Wüstchen, Buletten, Suppen, Quiches, Backkartoffeln, Nudel- und Eierspeisen werden schnell den Gästen aus der Umgebung serviert. An diesem kalten Tag erwärme ich mich an einer preiswerten Spätzle-Pfanne mit Schinken, Lauch und Käse, dazu ein frisches norddeutsches Bier. Im „Bénéfice“ soll ich ja genießen …. Das tue ich. Die kostenlose WLAN-Nutzung kann ich nicht auskosten, denn ich habe nur mein Notizbuch dabei. Aber die ausliegenden Berliner Zeitungen wecken mein Interesse.
Ich entdecke, dass sich hinter meiner Sofa-Ecke noch ein Ausstellungsraum mit Kaffeemaschinen aller Größen befindet. Mutter Perschke, nicht nur für die Küche zuständig, erklärt mir, dass ich mich im Showroom der hochwertigen Kaffeevollautomaten der Firmen JURA und Macchiavalley befinde. Vom Café aus wird nicht nur der Vertrieb dieser edlen Geräte betreut, sondern auch der hauseigene Reparatur- und Wartungs-Service. Mir wird klar, warum der Kaffee so gut schmeckt! Ich schaue mich weiter um und entdecke: feinste Kaffeesorten und auch andere Spezialitäten wie Senf, Öl, Marmelade, Honig, Schokolade können hier erworben werden.

In einem kargen Abschnitt der Berliner Chausseestraße hat ein modernes Café mit schöner Ausstattung seinen Platz gefunden.

Bénéfice Café GmbH
Chausseestraße 94
10115 Berlin
Tel.: 030-21 96 03 58
Mo, – Do.: 7:30 bis 18 Uhr
Freitag: 7:30 bis 16:30 Uhr
Sa. und So.: geschlossen

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