Naked Lunch und Weiberwirtschaft

So sehr ich mir auch den Kopf zerbreche, es gibt keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen diesen beiden Begriffen. Eigentlich schade … es ist wie so oft, alles anders als von mir gedacht. Die Weiberwirtschaft ist gar kein Gasthaus, sondern das größte genossenschaftliche Gründerinnenzentrum in Europa.

Seit 1987 gibt es dieses senatsgeförderte Projekt, in dem unterschiedliche Branchen von Kunst bis Kita angesiedelt sind. 1.500 Genossinnen haben bestimmt, dass hier der „Standort für Chefinnen“ sein soll. Die erste ökologische Gewerbehof-Sanierung in Berlin bietet im heutigen Zustand Platz für Gewerbe, Ateliers, Büros, Wohnungen und Veranstaltungen. Sie können hier problemlos für bevorstehende Seminare, Workshops, Betriebsversammlungen oder für das Treffen Ihrer Traumgruppe Räume mieten.

Aber auch Gründerinnen haben irgendwann Hunger und Durst; sie brauchen zwischen allen Planungen und Berechnungen mal Tapetenwechsel. Den bietet – auch ohne Tapete – das hier eingemietete Restaurant im 2. Hinterhof. Ein echter Geheimtipp, weil er so versteckt liegt. In der Toreinfahrt der Anklamer Str. 38, im Bezirk Mitte, hängt zwar ein Schild mit dem Hinweis auf das NAKED LUNCH, aber manchmal sieht der hungrige Wolf den Baum im Wald nicht, oder er denkt sich etwas anderes. Es ist Mittagszeit und ich folge einigen zielstrebigen Menschen, vorbei an Rauchergrüppchen, die in der Kälte bibbern. Ein großer, heller Raum mit stylisch-schlichter Einrichtung und riesigen gelblichen Pendelleuchten, deren Schirme wie Filz aussehen, empfängt mich wohlig. Alles ist hier Ton-in-Ton aufeinander abgestimmt, keine lauten Farben, alles in weiß-natur-braun-beige. Auf den unverputzten Wänden prangen gerahmte Fotos im Großformat, die dem Raum einen Galerie-Charakter geben. So soll es auch sein.

Jetzt bin ich neugierig auf das Essen, das Angebot entnehme ich dem Blatt, das ausliegt. Die Getränkekarte ist eine ständige Einrichtung und wird nicht wie die Speisekarte täglich neu erarbeitet. Darum ruht sie in einer flachen Filztasche auf dem Tisch, verziert mit einem Spruch von Martin Luther: ISS, WAS GAR IST, TRINK WAS KLAR IST, RED‚ WAS WAHR IST.

Mein 2-gängiges Mittagsmenü für 7,- € besteht aus einem fruchtig-leichten Apfel-Kürbissalat vorweg und einem Zucchinischnitzel auf Pilzrisotto als Hauptgang. Statt der Vorspeise hätte ich auch das Dessert wählen können. Apfel-Crumble mit warmer Vanillesauce. Dazu 0,1 vom Hauswein, einem Pfälzer Riesling für 1,90 €. Alles ist wohlschmeckend und wird von einer freundlichen Bedienung serviert, die heute zur Assistenz ihre 6jährige Tochter dabei hat, die schon Gläser spülen kann. Doch Weiberwirtschaft? Auf meine Frage hin werde ich informiert, sie seien die Quotenfrauen. In der Küche ist Männerarbeit angesagt, das habe sich so ergeben.

Die Tagesgerichte sind grundsätzlich alle vegetarisch, aber es gibt immer zwei zusätzliche Fleischgerichte, die dann 2 oder 3 Euro teurer sind. Für Suppen-Kasper gibt es natürlich auch eine Spezialität, heute eine Möhren-Ingwer-Suppe mit Salbei-Croutons, die der Gast als kleine oder große Portion bestellen kann (3,- / 6,- €). Nachdem ich mich nun auch noch überzeugt habe, dass es einen Sommergarten gibt und eine angrenzende Kita mit Spielplatz, werde ich am Sonntag meine kinderreichen Freunde zum Brunch (ab 10 Uhr) einladen, damit sie hier mal sorglos genießen können, ohne ständig hinter dem Nachwuchs herzulaufen.

Im Winter bin ich nicht der der große Nachtschwärmer, aber vielleicht probiere ich an einem Dienstagabend hier mal eine neue Instanz aus, die Dienstags-Bar mit Musike ab 20 Uhr. Und von Mittwoch- bis Samstagabend verwandelt sich der Raum nach dem Tagesgeschäft ab 18 Uhr in ein romantisches, feines Restaurant. Ist dann etwas „NakedLunch angesagt, frage ich mich erneut. Nein, noch immer liege ich falsch. NAKED ist zwar ein bekannter Kultroman der BeatGeneration von William S. Burroughs, der 1959 erschien; die RestaurantBetreiber führen zusätzlich ein Film-Catering-Unternehmen gleichen Namens. Vielleicht sind sie Fan dieses in den 90er Jahren verfilmten Romans? Ich werde auf den Stand gebracht: das Wortspiel soll NAKED im Sinne von Verzicht auf Geschmacksverstärker und künstliche Beigaben aller Art bedeuten. Also „nackte“ Zutaten, naturbelassen.

Heute habe ich wieder einmal viel gelernt, das muss belohnt werden. Aus der Abteilung „Heißes“ der Getränkekarte bestelle ich mir zum Schluss einen OTHELLO und bin gespannt darauf, ob er nun Naked oder warm angezogen ist ….. Die Antwort ist: Heiße Schokolade mit Espresso. Hmmmmm!

NAKED LUNCH
2. Hinterhof des Gebäudes
WEIBERWIRTSCHAFT
Anklamer Straße 38
10115 Berlin
Tel.: 030-30 34 64 61
Mo. bis Fr.: ab 11:30 Uhr
Samstag: geschlossen
Sonntag: ab 10 Uhr Brunch

0 Gedanken zu „Naked Lunch und Weiberwirtschaft

  1. Naked Lunch hat wirklich feines Essen
    und eine supernette Bedienung! Habe es auf Ihren Tipp hin ausprobiert. Es hat sich gelohnt, diese abgelegene Gegend aufzusuchen und im Hinterhof Platz zu nehmen.
    Lea aus Ludwigshafen

  2. Habe meine Jugend in der Brunnenstraße verbracht.
    Schade, dass es das Naked Lunch damals noch nicht gab.Wäre ein schöner Treffpunkt für uns Freundinnen gewesen.

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