Im lila Labyrinth

Ein Museumsbesuch ohne das Innehalten in einem künstlerisch eingerichteten Museumscafé ist heutzutage kaum denkbar. Viele Besucher starten den Ausflug in die Hochkultur sogar an diesem Ort, um sich für den Kunstgenuss erst einmal zu stärken. Und dann gibt es Museumscafés, die an sich schon ein Kunstwerk sind. In ein solches bin ich heute bestimmt geraten.

Auf meiner Radtour durch Kreuzberg sollte ich ein Gestaltungs-Erlebnis haben. Die Fahnen der BERLINISCHEN GALERIE in der Alten Jakobstraße flattern im Wind und locken mich an. So habe ich Lust auf Gemälde und Gaumenfreuden! Ich lese an der Gebäudewand, dass es sich um ein Landesmuseum für moderne Kunst, Fotografie und Architektur handelt. Da bin ich richtig und öffne im Erdgeschoss erst einmal die große Glastür zum Café DIX. Die Unterschrift dieses bedeutenden Malers und Grafikers des 20. Jahrhunderts dekoriert die Eingangstür. Jetzt stehe ich in einem lila Labyrinth und brauche erst einmal ein Getränk, denn so etwas habe ich noch nie gesehen – fühle mich von der Farbintensität etwas „erschlagen“. Hier herrscht also Lila. Vielleicht die Lieblingsfarbe von Otto Dix? Oder die der Einrichter dieses experimentellen Raumstruktur? Herz und Auge beruhigen sich langsam. Ich nehme auch noch die Farben Grau, Weiß und Schwarz der Tische, Stühle und Wände wahr. Auch das Personal ist ganz üblich gekleidet, die leuchtende Farbe gehört also allein diesem Kunstwerk der Einrichtung.

Der Fensterplatz in einer sonnigen Ecke scheint auf mich zu warten. Von hier kann ich das Labyrinth in Ruhe betrachten und den Gästen aus der Umgebung zusehen, die hier gemütlich beim Lunch sitzen. Sie machen es wie ich: erst kommt das Essen, dann die Kunst. Gar mancher geht auch ohne Kunstgenuss wieder zurück an sein Tagewerk. Während ich noch die Tagesangebote auf den Tafeln studiere, wird mir bereits das frisch gezapfte Berliner Pils serviert. Ich lese, zu den Extras des Tages zählt eine Mini-Schweinshaxe mit Sauerkraut und Kartoffelpüree. Ob mir das in der „Raumstruktur“ schmecken wird? Vielleicht wäre ein Vollkornbaguette mit Lachs passender? Auch farblich könnte ich mir einen der 10 unterschiedlichen Salate vorstellen, die marktfrisch bereitstehen. Eigentlich tendiere ich aber zum Schnitzel „Wiener Art“ mit Bratkartoffeln. Ich lasse mich doch von keiner Farbe einschüchtern!

Die Speisekarte gehört ja mit zu meiner Lieblings-Literatur – auch hier. Es ist einfach schön zu lesen, was die Küche sich ausgedacht hat. Als Dessert wird mir angeboten: Germknödel mit Kirschfüllung und Vanillesauce. Auch die heiße Waffel mit Vanille-Eis wäre ein Sünde wert. Dazu noch etwas von der Palette der Heißgetränke: von Schümli-Kaffee über Jagertee, Irish Coffee, Pharisäer und Russischer Schokolade. Die unterschiedlichen Weine und andere gehaltvolle Getränke probiere ich ein anderes Mal, wenn die Sonne schon um die Häuser ist und ich mein Fahrrad stehen lassen kann.

Was dem Café DIX von außen nicht anzusehen ist, bleibt aber kein Geheimnis, weil es in der Speisekarte erklärt wird. Es handelt sich hier um einen Integrations-Arbeitgeber im Unternehmensverbund für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung: MOSAIK – Jeder ein Teil des Ganzen. Es sollte mehr davon geben!

Café DIX
Berlinische Galerie
Alte Jakobstraße 124
10969 Berlin
Tel.: 030-84 85 69 55
Öffnungszeiten
Mittwoch – Montag: 10 bis 19 Uhr

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