Café mit Zeitung

Unsere Stadt hat ja eine große Pressetradition. Dass Kaffeetrinker automatisch Zeitungleser sind, ist vielleicht nicht jedem bekannt, darum sage ich es an dieser Stelle gern. So liegt es nicht fern, dass ich während meines Spazierganges hier in Stadtmitte über den Checkpoint Charly hinaus vor der Rudi-DutschkeStr. 23 (vormals Kochstraße) stehenbleibe und lese: „TAZespresso„. Café mit Zeitung, ein Platz für mich! Und ich finde heraus, dass im Jahr 2007 die Namensänderung der Straße aufgrund einer TAZ-Initiative erwirkt wurde. Das beeindruckt mich. Meine Neugier auf einen TAZepresso, Fair gehandelt – versteht sich, wurde nicht enttäuscht. Nach 2 Doppelten muss zwar nicht gleich der Notarzt kommen, aber wenn möglich der Kellner, um mir etwas Essbares zu bringen. Denn schließlich wird diese gläserne Stube als Restaurant mit Mittagstisch ausgegeben. Die Atmo ist locker, die Gäste sind bunt. Neben mir sitzt ein Mädel, das am Tomatensaft-Halm lutscht und dabei Ihren grau-gelben Teddy streichelt. Die Redakteurin der Kinderseite? Nee, eigentlich nicht. der Kellner gibt freundlich Auskunft und lässt mich wissen, dass nicht alle RedakteurINNEN das Café zur Versorgung wählen – obwohl es schon einen Kantinen-Charakter hat. Man kann es mitsamt der gemütlichen Empore auch für private Feiern mieten, inklusive Personal und Catering.

Leider hatte ich als gestandener Berliner den vegetarischen Freitag erwischt und muss nun zwischen DinkelBratling, Gemüsebulette, fleischlosen Nudelgerichten und Spinat-Tarte wählen. Für mich etwas ungewöhnlich, aber der nette Bediener versteht es, mich auf Pilz-Tortellini mit Tomaten-Basilikum-Soße und Pinienkernen einzustimmen. Es schmeckt wirklich gut und war als Mittagsgericht für 5,90 € zu haben. Die Speisekarte ist wie eine kleine TAZ im A5-Format gestaltet, wirklich witzig. Bei den kalten Getränken entdecke ich ein schwäbisches Kultbier, das „Zäpfle„. Und das mitten in Berlin-Mitte. Das nehme ich! Schräg gegenüber, auf den Barhockern an der großen Frontscheibe sitzt ein Pärchen und tut es mir gleich. Prost! Zum süddeutschen Bier wird von den beiden zusammen ein orientalischer Bulgur-Salat verzehrt. Ja, der Kellner erfasst die Lage und bringt 2 Gabeln! In der Ecke neben dem TAZShop wird heftig diskutiert, kleine Redaktionskonferenz? Aha, darum nur Mineralwasser und Kaffee … Es ist interessant hier, kommen Sie, schauen Sie! Dieses Restaurant ist für jedermann von 8 bis 20 Uhr „öffentlich“. Ohne Vorbehalte können Sie HIER auch nach allem fragen, was NICHT auf der Speisekarte steht. Das sind die Leute hier gewohnt, denn der Checkpoint Charly ist ja ganz in der Nähe. Ich wundere mich, dass der KALTE KRIEG noch so viel touristisches Interesse weckt und in den Köpfen kein Ende hat. Von der Russenmütze bis zur Ansichtskarte mit genauem Mauerverlauf kann hier so manches traurige Andenken erworben werden. Die Straßenhändler müssen schließlich leben – aber der TAZ-Kantinenpächter auch, darum bestelle ich mir jetzt noch ein Dessert von der Tageskarte: Mousse au Chocolat auf Orangenspiegel. Schmecke ich das FAIR Gehandelte raus? Köstlich ist es allemal! Ein lustiger Laden ist das hier, zu Recht in der Speisekarte als ANTIBorchardt bezeichnet. Jetzt kritzelt mein Nebenmann noch Karikaturen auf seine Papier-Serviette. Das habe ich schon irgendwo gesehen … Picasso? Der soll mit solch einer Zeichnung mal seine Rechnung beglichen haben. Ich glaube, hier ist so einiges möglich! Und wenn um 20 Uhr die Tür ins Schloss fällt, gehe ich eine Tür weiter. Dort lockt hinter ebenfalls großen, schönen Aussichtsfenstern ein Italiener. Aber vielleicht haben die anderen Berliner Tageszeitungen auch Cafés? Ich werde es in Erfahrung bringen.

TAZcafé
Rudi-DutschkeStr. 23
im Rudi-Dutschke-Haus
10969 Berlin
Öffnungszeiten:
Mo. – Fr.: 8 bis 20 Uhr

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