Bom dia Lissabon (1)

Freunde fragten, ob ich mitkommen würde, nach Lissabon, denn dort  blühten gerade die Jacarandabäume. Was für eine Frage, es wurde Zeit, dass ich meinem deutschen Eifer etwas mehr Leichtigkeit entgegensetze, mich der südländischen Gelassenheit hingebe. Auf nach Lisboa, der weißen Stadt am Tejo! In der Rua Augusta nahmen wir Quartier, in der 5. Etage, mit Blick auf den Atlantik. Strahlender Azur! Bom dia Lisboa!
Wir ließen den Morgen, wie die meisten Lisboetas, nicht vor 9 Uhr beginnen. Erst dann öffnen die Cafés, die es fast an jeder Ecke gibt. Dort trifft man sich zum Plausch, liest Zeitungen, wertet die Ereignisse aus, alles beim Bico, dem kleinen Espresso, den es entweder pur oder mit Milch als Galao gibt. Dazu lässt der Gast sich gerne eines dieser kleinen Puddingtörtchen bringen, ein pasteis de nata. Wir bestellten und hatten alle Zeit der Welt. Das war auch gut so, denn der Kellner wurde aufgehalten, er plauderte mit Freunden am Nebentisch. Wir genossen die Ruhe, die Sonne, die Lust am Leben, und wir verstanden, nur das war wichtig. Schauten uns um, die Welt war völlig in Ordnung. Die Sandalen in der Hand ging ich barfuss auf den kleinen kunstvoll zu Mosaiken angeordneten Basaltsteinen, auf den Motiven von Blumen, Vögeln und Sternen und breitete die Arme aus, um dieses faszinierende Licht einzufangen. Es betört die Sinne!
Oben im Chiado begrüßten wir vor dem Café Brasilia den großen Dichter Fernando Pessoa, in Bronze gegossen ganz lässig sitzend. Touristen setzten sich dazu und ließen sich fotografieren. Ein Foto für zu Haus. Wir zogen weiter zum Rossio, einem der schönsten Plätze Lissabons. Hier schlägt das Herz der City. Wir mischten uns ins quirlige Treiben, aber nicht, ohne uns zu verabreden. Jeden zog es in eine andere Richtung.
Ich ging zum Nationaltheater, von dort vorbei am berühmten Café Nicola zu den hufeisenförmigen Eingängen der Metrostation „Rossio“. Es war warm, ich kaufte ein Eis und genoss das Fremde um mich herum. An der Statue des Königs D. Pedro trafen wir uns wieder. Der Magen meldete sich, Mittagszeit. Wir verließen den Platz und gingen zwei Straßen weiter, um nicht von den aufdringlichen Restaurantwerbern angesprochen zu werden. In einem kleinen Bistro fanden wir Platz. In der Küche wurde hantiert, es duftete nach exotischen Gewürzen. Der Koch empfahl uns, mit einer Suppe zu beginnen, mit einer Caldo Verde, einer Gemüsesuppe. Danach täte dem Geschmack arroz e bacalhau gut, Kabeljau mit Reis – auch Stockfisch genannt. Gesalzen und getrocknet wird er von den Portugiesen sehr geliebt – dazu einen Hauswein, ein Glas vinho da casa. Wir aßen vergnügt und lobten die mediterrane Küche. Nun wurde es Zeit, Magen und Füßen eine Pause zu geben. Wir nahmen die Straßenbahn, eroberten Sitzplätze in der Eléctrico 28E. Doch was heißt Straßenbahn? Mit dieser Bahn zu fahren ist ein Ereignis! Die Wagen stammen aus den 30er Jahren, sind innen komplett aus Holz gebaut. Vorne kurbelte der Fahrer und fuhr uns in steilen Kurven über die Hügel der Stadt. Die Bahn ratterte auf und ab, durch das Viertel Graca, vorbei an der Kirche Sao Vincente de Flora, weiter zum Aussichtsplatz Miradouro Santa Luzia bis in die engen Straßen der Altstadt, der Alfama. Wir stiegen aus und befanden uns plötzlich in einem unübersichtlichen Gewirr von schmalen Gassen, steilen Treppen, kleinen Plätzen. Obstkisten standen auf den schmalen Bürgersteigen. Wir entdeckten kleine Läden, Handwerksstuben, Kneipen, begegneten der Freundlichkeit der einfachen Leute, die hier leben. Kein leichtes Leben, die Wohnungen sind klein, den alten Häusern droht der bauliche Niedergang. Und doch, man richtet sich ein, bleibt lebensfroh und offen. Die Wäsche trocknet vor den Fenstern, Kinder spielen Ball mit der Hauswand, die Senhora auf dem Balkon grüßt die Nachbarin. Ihr Mann ruft etwas. Der Hund schläft auf der Türschwelle. Welch Anmut und Verfall in einem, welch morbider Charme.  (Teil 2 folgt)

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.