Kreuzbergs scharfe Ecke

Scharfe-Ecke-Nr_1In den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts war Kreuzberg bereits angesagt und hier war der Pflicht-Stadtteil für echte und Möchtegern-Bohème. Im dritten Hinterhof/Gartenhaus wurde die Welt verändert – oder man diskutierte es zumindest.
Mit dem Fahrrad unterm Arm wählte ich den U-Bahn-Ausgang Mehringdamm, um die Straßen abzufahren und mich in Kreuzberg umzusehen. Ich hielt zunächst an einem sehr ruhigen Punkt: dem Friedhof der Dreifaltigkeitskirche, der einige sehr berühmte Berliner Persönlichkeiten beherbergt.
Ich schiebe mein Rad bis zur nächsten Kreuzung. Beim Anblick des „rot-weißen“ Hinweisschildes auf CURRY 36 frage ich mich, ob Rahel Varnhagen oder Adalbert Chamisso sich mit mir hier auf ne scharfe Wurst getroffen hätten? Oder wäre der Theologe Schleiermacher mit mir auf ein Bier in den BIER-EXPRESS gegangen?  Hätte Mendelssohn-Bartholdy hier einen Gemüse-Döner bei MUSTAFA gegessen? Wären die Herren Siemens oder Schering mit mir in die BKA (Berliner Kabarett-Anstalt) gegangen? Herrn von Knobelsdorff kann ich mir nicht wirklich in der Raucher-Lounge vom BIER-EXPRESS vorstellen, dort gehörte eher Dr. Gottfried Benn hin, der zwar nicht auf dem gegenüberliegenden Gottesacker liegt, aber im Haus am Mehringdamm 38 von 1917 bis 1935 seine Arztpraxis für „Haut und Liebe“ betrieb und einer der bedeutendsten deutschen Lyriker war.
Noch bevor ich mich wieder auf den Sattel schwinge, zieht mich die Ecke Mehringdamm/Yorckstraße gegenüber dem Friedhof magisch an. Ich sehe eine Warteschlange von etwas 30 Metern an einer Döner-Bude stehen. Gibt es dort heute etwa Frei-Bier, beziehungsweise Frei-Ayran? Weit gefehlt. „Das ist hier immer so“ klärt mich ein Handwerker auf, der sich zum Feierabend auch etwas Gutes tun will. Gemüse-Döner (zur Not mit Hähnchenfleisch) sei einfach „in“ und die Mustafa-Familie, die hier bediehnt, sei schwer in Ordnung. Doch heute ist nicht mein Döner-Tag.

Da kein Kaffeegedeck mit Schwarzwälder Kirsch für mich in Sicht ist, steige ich eben auf Currywurst um. Curry 36 lädt alle mit seinem klassischen Angebot und den witzigen Leuten hinterm Tresen zum Genuss ein. Eine Wurst mit „gedünsteten Zwiebeln extra“, roter, scharfer Sauce und einem speziellen, weichen Brötchen sind heute mein perfektes Essen. Det is Ballin. Einfach und schnell – bei Bedarf kann es ja noch eine kleine Bulette sein, Kartoffelsalat oder goldgelbe Fritten rot-weiß. Natürlich alles Bio. Bio, wenn schon Fett, dann aber gesundes Fett. Klaro.
An dieser Ecke weht wirklich ein scharfer Curry-Wind und die Versorgung ist fast rund um die Uhr gewährleistet. Seit über 30 Jahren wird an dieser Stelle Wurst gegrillt. Vom Roll-Tresen in der Toreinfahrt haben es die Betreiber von CURRY 36 zu einem stattlichen Unternehmen gebracht. Zu Papptellern und Plastikgabeln gibt es auch Sekt und Bier, alles nach Wunsch.

Im BIEREXPRESS gleich nebenan geht es rund. Hier ist Stimmung! Es wird Fußball geschaut und viel Bier getrunken. Großstadt macht durstig.
Die 116 Stufen zur Berliner Kabarett-Anstalt nebenan im 5. Stock schaffe ich heute nicht mehr, obwohl mir das Programm zusagt. Nein, ich habe mich für „Straßentheater“ entschieden. Was hier so alles vorbei strömt ….. Langsam gehen überall die Lichter an und ich verabschiede mich von einer wirklich scharfen Berliner Ecke.

Mustafas Gemüse-Kebab
Mehringdamm vis à vis Nr. 32
Geöffnet von 10:00 bis 2:00 Uhr
Sonntags zu

Vogt’s BIEREXPRESS
Mehringdamm 32-34
Telefon: 030-251 25 29
Geöffnet täglich von 9:00 bis 1:00 Uhr

CURRY 36
Mehringdamm 36
Telefon: 030 – 251 73 68
Geöffnet täglich von 9:00 bis 5:00 Uhr

BKA – Die Theaterexperten GmbH
Mehringdamm 34/5. Etage
Telefon: 030 – 20 22 007

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