Tanzen bis der Morgen graut

In CLÄRCHENS BALLHAUS ist täglich Schwoof. Hier wurde das Wort „Hochbetrieb“ erfunden. So richtig poliert wird die Tanzfläche natürlich am Wochenende, da gibt’s dann Live-Musik. Kurz vor Mitternacht tritt die Tanzkapelle auf – das Wort „Band“ würde es nicht treffen, denn alles ist hier wie vor hundert Jahren, nicht nur das Gebäude und die Einrichtung. Die jetzigen Betreiber (seit 2004) haben durch den Kauf der Immobilie Erbansprüche und Streitereien beseitigt. Jetzt strahlt das Haus wieder den Charme der Jahrhundertwende aus und die Leute kommen wie früher hierher, um sich zu amüsieren, das Tanzbein zu schwingen, oder sich etwas für’s Herz zu suchen.


DJ „Clärchen“ bestimmt das Musikprogramm und verfügt zu meiner großen Freude über eine Tonanlage, die nicht rauscht, knistert oder bei Übersteuerung an einen Luftangriff erinnert. Der hat im Krieg draußen stattgefunden. Seitdem findet die Bewirtschaftung in der nur innen renovierten Ruine des Hinterhauses statt. Vorne wurde alles weggebombt. Auf der freien Fläche ist ein Sommergarten entstanden, der mit seinen bunten Lampenketten altmodisch und geheimnisvoll wirkt. Genau so wirkt auch Günter Schmidtke, der seit 40 Jahren hier die Mäntel an die Garderobe hängt. In diesem Moment zücken viele Touristen den Fotoapparat, denn dieses Unikum möchte man doch auch zu Hause noch betrachten. Das Personal ist auffällig freundlich und witzig; ein Kellner der riesige Biertabletts durch den Saal schleppt, sieht aus wie Buster Keaton – das hat ihm sicher den Job hier eingebracht. Er empfiehlt mir tschechisches Bier vom Fass – den Damen Frucht-Bowle oder Pikkolöchen. Alles wie früher.

Inzwischen rockt der ganze Saal. Auf der Tanzfläche passt kein Blatt Seidenpapier zwischen die Menschen. Alle anderen machen sitzend Tanzbewegungen. Mir fällt auf, dass viel mehr Frauen die Hüften kreisen lassen. Die meisten Männer stehen mit dem Glas in der Hand wie eine Tortendekoration um die Tanzfläche herum. Sie wippen dabei ein wenig und zählen auf den Blickkontakt. Manche Frauen tanzen mit ihren Umhängetaschen und tragen statt zierlicher Tanzschuhe Stiefel. Hier ist alles erlaubt was gefällt, es gibt keinen Dress-Code. Mir fällt diese Dame in Rot besonders auf, die all den wippenden, nippenden Gästen mal eine kleine Tanzlektion erteilt. Ich staune, so geht es auch! Zwischen den Musiktiteln verlässt kaum jemand die Tanzfläche, doch mich zieht es jetzt zu den 100 Rauchern im hinteren Garten.

Viele kommen seit langem hierher, um das nostalgische Ballhaus-Flair der frühen Jahre noch einmal aufleben zu lassen. Sie behaupten, so etwas gäbe es nur in Berlin, hier wäre auch (immer mittwochs) der „Ball verkehrt“ geprägt worden, bei dem die Damen die Herren aufforderten. Da soll so mancher sein Sportabzeichen im Weglaufen gemacht haben.

Claerchen-EDas ist mein Signalwort. Denn nach der anstrengenden Galerien-Tour hier in der unmittelbaren Nachbarschaft der August- und Linienstraße und 3 Stunden Dauertanz durch die Schlager der 60er und 70er Jahre, werde ich schlagartig müde. Ich blicke noch einmal in den SPIEGEL-Saal, dort wird aber „geschlossen“ Geburtstag gefeiert. Unten schiebe ich mich durch das eng stehende Publikum und erfreue mich über diese unglaublich bunte Mischung zwischen 18 und 80 – zwischen Glenchek-Anzug und Geisterbahn. Bestimmt komme ich wieder oder belege einen Kurs, denn ich wollte schon lange Tango, Walzer links herum und Swing lernen. Alles möglich, hier im Kleinen Welttheater!

Clärchens Ballhaus
Auguststraße 24
10117 Berlin
Tel.: 030-282 92 95
Täglich geöffnet:
ab 10 Uhr – open end

2 Gedanken zu „Tanzen bis der Morgen graut

  1. Es ist immer wieder schön, durch die Kaffeeklatschartikel ein wenig in den Erinnerungen an die Jugend zu kramen. Danke für Clärchens Ballhaus. Wollten wir Mädels, aufgewachsen in der Brunnenstraße, nicht wenigstens einmal dort hinein, wenn wir erwachsen sind?
    Es wird höchste Zeit, diesen Mädchenwunsch in Angriff zu nehmen.
    Natürlich Mittwoch, das war uns immer klar.
    Andrea

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