Kurort Rüdesheimer Platz

Das Rheingau-Viertel im Berliner Bezirk Wilmersdorf macht seinem Namen speziell am Rüdesheimer Platz große Ehre. Schon auf dem sehr gepflegten U-Bahnhof der Linie 3 bin ich beeindruckt von feinster Mosaik-Arbeit an Decken und Wänden, schönen Leuchten, dem alten Kartenhäuschen und den schmiedeeisernen Portalen. Alle dekorativen Elemente haben etwas mit Weinbau zu tun. Die vom Platz ausgehenden Straßen tragen ebenfalls Namen von Orten, die im Rheingau-Taunus-Gebiet liegen, das zur ausgehenden Kaiserzeit nicht nur für die Berliner ein beliebtes Reiseziel war.
Der Errichter dieser Prachtbauten rund um den Platz, Kommerzienrat Salomon Haberland, war sicher selbst eine Weinnase und hat sich hier ein Denkmal gesetzt. Er war die Speerspitze der bürgerlichen Wohnungswirtschaft und kaufte dieses Terrain. Dort, wo kahle Äcker waren, entstand zwischen 1910 und 1914 diese große einheitliche Bebauung. Fachwerk, vielgestaltete Dachformen, Sprossenfenster, Erker, Rosenspaliere, der dunkelgelbe Putz und die verwendeten dunklen „Biberschwanzziegel“ sollten an den englischen Landhausbau erinnern. Die heute denkmalgeschützten Fassaden wurden von Architekt Paul Jatzow entworfen.
Ich umgehe dieses Karree unter alten, hohen Bäumen, die reichlich Schatten spenden und bewundere diese intakte Infrastruktur. Hier gibt es alles, jede Menge Gasthäuser, Delikatessengeschäfte, Bäckereien und Cafés, einen großen Schuhladen an der Ecke, Büroartikel, Blumenläden, Banken, Ärzte, Steuerberater und verschiedene Gewerke. Bürgerliche Individualität wie aus dem Lehrbuch. Alles ist großzügig und gepflegt.

Vom schönen Spielplatz ist Kindertrubel zu hören. Und wo Kinder sind, können auch weitere Familienmitglieder nicht weit sein: sie sitzen oder liegen auf einer Wiese vor dem großen Blumenfeld, das sich über den Platz streckt. Ein imponierender Brunnen spendet Wasser – den guten Wein gibt es eine Treppe höher.
Seit 1967 ist das Rüdesheimer Weinfest an diesem Ort eine feste Einrichtung. Die Besucher kommen inzwischen aus allen Berliner Bezirken, um sich in den Sommermonaten hier zu treffen, mitgebrachte Speisen zu verzehren und dazu den guten Ruedesheimer-Pl_-10deutschen Wein zu trinken, den man im Weinhäuschen kaufen kann. Drei Rheingauer Winzer, die durch Los ermittelt werden, teilen sich in jedem Jahr die Saison und bieten ihre Weine an, die natürlich auch zu Hause getrunken werden können. Ist der Beutel zu schwer, wird frei Haus geliefert – alles Verhandlungssache. Am Tisch kosten die Weine und Schaumweine zwischen 10,- und 16,50 €, zum häuslichen Verzehr sind sie erheblich preiswerter. Aber zu Hause hat man dieses ferien- oder kurartige Ambiente natürlich nicht.

Ich hole mir ein gut gekühltes Glas vom „Oestrichen Lenchen“, einem trockenen Riesling, der ausgezeichnet schmeckt. Das Glas gebe ich gegen Pfand wieder zurück und bin versucht, mir eine Kur-Packung von dieser Sorte zu kaufen. Die Stimmung im Weingarten ist inzwischen auch ohne Kur-Orchester heiter und beschwingt. Es werden bereits Tische zusammengestellt, weiße und geblümte Tischdecken aus den Körben geholt … die Muse mit den roten Haaren zaubert aus verschiedenen Tupperdosen eine riesige Antipasti-Platte für alle Beteiligten hervor und das Wein-Kränzchen gegenüber hat sich dem roten Spätburgunder verschrieben und wickelt dazu passend Käse und Baguette aus dem Silberpapier. Auf der Balustrade sitzt ein Zeitungsleser beim Rosé, er hat nur eine Tüte Kekse dabei. Essen ist ja hier nicht Pflicht, es ist nur gemütlicher und die Gäste kommen schneller ins Gespräch, wenn mal schwarze Oliven gegen grüne mit dem Nachbarn getauscht werden! Vom guten Leben in Wilmersdorf bin ich überzeugt, erwerbe als Geburtstagsgeschenke noch eine Flasche Tresterbrand und einen Rheingauer Pfirsichlikör. Der Ausflug hat sich in jeder Hinsicht gelohnt. Die klingenden Gläser und Prosit-Rufe im Ohr steige ich hinab in die nur wenige Meter entfernte U-Bahn-Station. Mir folgt ein angegrauter Rucksack-Tourist, der auch zwei Flaschen Reserve bei sich trägt und singend der Meinung ist: „Pack die Sorgen in ein Gläschen Wein“. Recht hat er!

Rheingauer Weinbrunnen
(U-Bahnhof Rüdesheimer Platz)
Ausschank: 15. Mai bis 15. September
Sonntag – Donnerstag: 15.00 bis 21.30 Uhr
Freitag und Samstag: 15.00 bis 22.00 Uhr

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