Stadtbier und Stulle

Der Bezirk Schöneberg hat einiges zu bieten. An der berühmten Potsdamer Straße findet der Besucher vom islamischen Bank-Geschäft bis zum glitzernden Kabarett eigentlich alles was zum Leben gehört. Was für mich dazugehört, haben Sie ja schon in einigen Beiträgen erfahren. Darum bin ich begeistert, wie intensiv in einem Lokal Berliner Milljöh und Schnauze auf Wiener Melange und Schmäh treffen können.

Ich sitze in der JOSEPH-ROTH-DIELE und habe ein „Stadtbier“ bestellt – so steht es auf dem irdenen Krug vor mir. Dem Namen nach müsste es also ein Berliner Gebräu sein. Der wienerische Beitrag wird kurz darauf in Form von „Tafelspitz“ (gekochte Rinderbrust mit Meerrettichsauce und Erdäpfeln) an den Tisch gebracht. Ein echtes Wiener Schnitzel mit warmem Gurken-Kartoffelsalat wäre heute meine Alternative gewesen. Die meisten Gäste scheinen hier aber die Wiedergeburt der Stulle zu feiern, denn ich sehe viele große Bauernbrot-Scheiben mit Zwiebelmett, Blauschimmel-Käse, Schmalz, Schinken oder Salami auf den Tellern der Nebentische. Getrunken wird intensiv und unterschiedlich. In der Karte forsche ich nach den Ursprungsländern der angebotenen Weine. Bei den Roten sind Zweigelt und Blaufränkisch die Spitzenreiter, aber ich könnte durchaus einen libanesischen Rotwein zu Käsespätzle ordern. Bei den Weißen ist natürlich der Grüne Veltliner einsam an der Spitze, gefolgt von Rheingauer Riesling und grauem und weißem Burgunder.

Die Preise sind so konsumfreundlich, dass diese „Gast- und Lesestube“ von Montag bis Freitag rappelvoll ist. Für ein Abendessen empfiehlt sich die Reservierung. Am Wochenende möchte man ruhen und lässt die Welt draußen.

Ich sitze in der Nähe des großen Fensters, das sich in voller Breite nach oben schieben lässt, so dass ich am quirligen Treiben auf der Potsdamer teilhaben kann. An den Bistrotischen stehen die üblichen Raucher. Zu Joseph Roths Zeiten wurde natürlich noch intensiver geraucht, das sieht man zum Teil auf den vielen gerahmten schwarz/weiß-Fotos an den Wänden. Hier wurde gepafft, bis kein Arzt mehr kam, denn in der heutigen Gaststube war früher ein Sarglager; gleich nebenan gab es den passenden Devotionalienhandel mit dem klangvollen Namen AVE MARIA. Rosenkränze, Holzkreuze und Grableuchten en gros und en detail. Alles zu seiner Zeit.

Die Einrichtung wirkt durch die vielen Bilder und Bücher, die braunen Holzmöbel, die geschickte Beleuchtung und sehr spezielle Details wie ein Literaturtreff der Zwanziger Jahre. Die Bedienung schlängelt sich charmant durch die engen Reihen und der Blick aus Mandelaugen sagt, dass ich hier richtig bin. Aber gezahlt wird beim Verlassen des Hauses an einer alten „Cassa“ am Tresen, so stilvoll wie damals eben.

Der Namensgeber, ein österreichischer Journalist und Schriftsteller, lebte von 1920 bis 1925 in Berlin. Er wohnte im Nebenhaus und begann dort seinen berühmten Roman „Das Spinnennetz“. Die Betreiber des Gasthauses sind Literaturfans und große Verehrer dieses berühmten Mannes, der 1939 an den Folgen seiner Alkohol-Sucht in Paris starb.
Die Gaststube wirkt darum wie eine Gedenkstätte, die liebevoll mit Fotos und Texten aus dem Leben dieses „Heiligen Trinkers“ (einer seiner Romantitel) ausgeschmückt ist. An den Wänden befinden sich Regale, die üppig mit Büchern bestückt sind, die jeder Gast zum Bier, Wein – oder Saft natürlich lesen kann. Literatur ist hier das Thema – von der Wand bis zur Speisekarte, die ein besonders schönes Zitat von Joseph Roth enthält:

„Die Liebe macht uns nicht blind, wie das unsinnige Sprichwort sagt, sondern im Gegenteil, sehend.“

JOSEPH-ROTH-DIELE
Potsdamer Straße 75
10785 Berlin
Tel.: 030-263 69 884
Montag bis Freitag:
von 10:00 Uhr bis Mitternacht

0 Gedanken zu „Stadtbier und Stulle

  1. Ach, wie vermisse ich das Berliner „Milljöh“. Und nach Wien, da wollte ich schon immer mal hin. Bücher und Schmalzstulle, Bilder und einen Wiener Kaffee, was kann es Besseres geben?
    Danke für den Artikel
    Andrea

  2. Dass ein Gasthaus eine Erinnerungsstätte an Joseph Roth ist, das würde ihm sehr gefallen. Und besonders, dass man bei einem Glas Bier Bücher von ihm lesen kann. Großartige Idee!

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