Tango für ALLE

Sonntagnachmittag, eine träge Zeit. Kaffeetrinken? Freunde treffen? Fernsehen, Lesen? Alles möglich! Doch an diesem warmen August-Tag ist mir sehr nach Musik und Tanz, am besten unter freiem Himmel. Auch der laue Abend wird dafür wie geschaffen sein! Dass Open Air zu tanzen für die Berliner kein Geheimtipp mehr ist, das bezeugen die vielen Gelegenheiten in dieser Stadt. Für mich aber bietet die STRANDBAR in MITTE im Monbijou-Park, direkt am Ufer der Spree, noch immer die schönste Kulisse.

Ich komme von der Museumsinsel und genieße auf der denkmalgeschützten Monbijou-Brücke die Aussicht nach beiden Seiten. Unter mir tuckern die Ausflugsdampfer auf der Spree, die Menschen sind fröhlich und winken den Leuten zu. Ich winke zurück. Von hier oben habe ich auch eine wunderbare Sicht auf die tanzenden Paare dort unten. Sie tanzen Tango!

Ich kann leider noch nicht Tango tanzen, doch fasziniert mich die Sinnlichkeit der Bewegungen. Auf einem der Gartenstühle nah der Tanzfläche nehme ich Platz und schaue den Paaren zu, die an mir vorübertanzen, gleiten, schweben. Die beiden dort hinten, ob sie sich kennen? Er in ausgefransten Jeans, sie in schwarzen Netzstrümpfen. Werden sie im Tanz der Tango-81Sehnsucht und der Träume zueinander finden? Er führt, sie schließt die Augen und folgt. Das Duo, das gerade an der Treppe Figuren auf der Stelle zelebriert, hat sich gefunden. Perfekt ergänzen sich ihre Bewegungen, voller Hingabe nehmen sie ihre Körper wahr (wie schön in unserer kopfgesteuerten Zeit). Ihre Blicke verraten, wie gut es ihnen geht. Kein Tango gleicht dem anderen. Vor mir schwebt ein Paar vorbei, dass es ein Genuss ist, ihm zuzusehen. Sie ganz in Schwarz mit üppiger Figur, er dagegen mit offenem Hemd, jung und sportlich. Traumhaft, wie sie von der Folge ihrer Schritte längst wissen und dabei noch völlig frei improvisieren. DAS IST ES: es ist ihr Geheimnis! Und das soll es auch bleiben.

„Yo canto por no llora“, ich singe, um nicht zu weinen, klingt es von einer alten Schallplatte, die der DJ mitgebracht hat. „Fürchte dich nicht, es blüht hinter uns her“, hat jemand als Widmung auf diese schöne Plattenhülle geschrieben. Wie gefühlvoll! Dieser Tanz lässt wohl niemanden kalt, auch nicht die, die sitzen bleiben. Vielleicht fehlt manchem nur ein Glas Rotwein zum Mut? Den kann sich der Tango-Fan oberhalb der Treppe an der Bar holen. Ich reihe mich mit dem Wunsch auf ein Bier vom Fass in die Bar-Schlange ein. Die Pizza-Schlange nebenan ist genau so lang, aber mein Appetit ruht. Geduldig wartet noch eine dritte Menschentraube auf den Einlass ins Amphitheater: Shakespeares „Was ihr wollt“ wird gezeigt ….. ich will aber zurück zu meinen Tänzern, schlängle mich am Treppen-Publikum vorbei und fühle mich beschwingt.

Inzwischen dämmert es. Viele Leute machen es sich an den Tischen oder in den Liegestühlen gemütlich. Die bunten Lampen werden angeknipst und die Stimmung wird stündlich südlicher, die Klänge erotischer. Gerade holt die Frau neben mir die mitgebrachten Tango-Schuhe aus dem Beutel und stellt die schlichten Stadtschuhe unter den Tisch. Sie erklärt mir, dass die Schuhe durch die Konstruktion der Riemchen bei den Drehungen einen besseren Halt geben, als die normalen Pumps, die ich ebenfalls auf dem Tanzboden sehe. Auch die Männer sind nicht von Kopf bis Fuß perfekt, es gilt das Motto: „komm so, wie du bist“. Während ich weiter fasziniert auf die Tänzer schaue, ist die Tischnachbarin bereits aufgefordert worden und dreht sich am Arm eines stattlichen Herrn.

Das Spreewasser plätschert dicht hinter mir an die alte Kaimauer, mehrere Scheinwerfer der Bar sind nun in der Dunkelheit direkt auf die Spree gerichtet, so dass sich das Flusswasser an der Fassade des Bode-Museums widerspiegelt. „Wer gehen kann, kann auch tanzen“, dieses argentinische Sprichwort nehme ich gerne mit und gehe heute mal „tango-verträumt“ durch die Nacht.

STRANDBAR MITTE
Monbijoustraße 3
10117 Berlin
Tel.: 030 – 2838 5588
Täglich ab 10 Uhr geöffnet
Tanz: Montag bis Freitag ab 19 Uhr
Tanz: Samstag und Sonntag ab 16 Uhr
Eintritt frei

6 Gedanken zu „Tango für ALLE

  1. Was es allet jibbt in Berlin…
    Unter freiem Himmel Tango tanzen.
    Fürchte Dich nicht, dabei zu sein und es selbst zu versuchen!
    Ein romantischer HerbstBeginnBericht – denn leider nicht mehr allzu lange blüht es hinter uns her…

  2. Wie schade, dass ich keinen Tango tanzen kann.
    Doch danke für diesen Artikel, der mich spüren lässt, wohin ich meine Schritte am nächsten warmen Sonntag lenken werde. Noch im September voller Vorfreude.
    Andrea

  3. Wir haben das im letzten Jahr im September erlebt, es ist einfach wunderschön. Die Musik, die Tänzer, die Atmosphäre. Hier kann man schon ein wenig verweilen – an einem Sonntagabend.

  4. Wunderbarer Artikel… selten zum Tanzen sooooo animiert worden.
    Da muss ich mal hin, lese immer wieder gerne diese Seite.

    Jruß nach Ballin
    vonner Elbe !

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