ANKERKLAUSE – Oriental!

Echte Seefahrer behaupten, die Ankerklause sei die schönste Hafenkneipe ohne Hafen. Als Berliner Seebär werde ich das heute testen. Zuerst suche ich einen Ankerplatz für mein Fahrrad. Soll ich in Kreuzberg oder Neukölln parken? Hier auf der Kottbusser Brücke zwischen Kottbusser Damm und Maybachufer bin ich in einer offiziellen Grenzsituation. Unter mir tuckern die Ausflugsdampfer auf dem Landwehrkanal und neben mir feilschen Männer um gebrauchte Autos. Es zieht mich auf die Neuköllner Seite, denn hier breitet sich um das Gasthaus herum schon der beliebte „Türkenmarkt“ aus.

Nach wenigen Schritten sitze ich beim ersten Bier in dieser sehr angesagten Kneipe, die als Frühstücksort ebenso beliebt ist wie in den Abend- und Nachtstunden als Bar. Die lange von roten Geranien gesäumte Veranda dient auch als Raucherzimmer und ist im Sommer der beliebteste Platz. In der Mittagszeit wird „Lunch“ angeboten. Für maximal 9,- € wird bis 16 Uhr hausgemachtes, dampfendes und herzerwärmendes Mittagessen serviert, danach Kaffee und Kuchen und bis 22 Uhr Snacks aller Art. Von den Würstchen mit Kartoffelsalat bis zum Vegi-Burger reicht das Programm. Früh um 3 Uhr werden die Stühle hochgestellt. Bis dahin kann man sich mit puren oder gemixten Getränken vergnügen, in der Donnerstagnacht sogar mit Beschallung und Tanz. Platz ist knapp, darum wird die „Nacht der hungrigen Wölfe“ schnell zur Engtanz-Party. An den übrigen Wochentagen kann jeder Gast die stadtbekannte, bordeigene Jukebox in Gang setzen. Ich habe Lust auf „La Paloma“ und stecke mehrmals Euros nach. Zwischen Netzen, Plastikfischen und Rettungsringen könnte ich hier alt werden und die Nacht am Wasser verbringen.

Aber ich werde noch nicht den Anker werfen, sondern mich ins bunte Markttreiben stürzen. Dienstag und Freitag liegt die Ankerklause im Orient, denn genau vor der Tür haben die ersten großen Gemüsestände ihre prachtvollen Waren dekoriert. Begeistert greife ich zur Kamera. Schöne Farben, Stimmgewirr, Düfte und Gedränge entlang des Maybachufers, das ist Markt in lebendigster Ausführung.

Seit den 70er Jahren dominieren hier türkeistämmige Händler den „Türkenmarkt“. Die Kunden sind neben den vielen Erlebnistouristen meist Kinder und Enkel der ersten Einwanderergeneration. Jetzt soll der neue Name „BiOriental“ das multikulturelle Treiben Kreuz-Köllns widerspiegeln. Inzwischen werden hier auch Bio-Produkte aus Brandenburg angeboten, und neben den vielen orientalischen Händlern findet der Käufer auch Stände mit Keramik, Blumen, Seifen, Schmuck, Kurzwaren, Wolle, Klamotten für die ganze Familie oder esoterisches Nippes. Hundertfünfzig Händler sorgen für dieses breite Sortiment, in dem besonders die Freunde der heißen Nadel ein Superangebot an preiswerten Stoffen und Applikationen vorfinden.

Das vielfältige Lebensmittelangebot von süß bis sauer hat die Menschen schon immer hierher gelockt, denn die Preise sind, speziell für Obst und Gemüse, immer noch niedrig, obwohl die Konkurrenz der Supermärkte in den angrenzenden Straßen groß ist. Dort gibt es allerdings keinen Marktschreier, der behauptet, dass er heute Geburtstag habe und deswegen alles um 10% billiger verkauft. Und die Palette der Probierteller mit Melonenstückchen, scharfer Wurst, Käse oder feinen Nudeln ist nirgendwo größer. Ab 17 Uhr kann man hier sogar mit Schleuderpreisen rechnen. Mit etwas Glück trägt Vater dann eine Kiste Tomaten für einen Fünfer nach Hause. Micky-Maus-Mütze und Gummibrille hat auch im Supermarkt selten ein Fischverkäufer auf. Geflügel und Lammfleisch kauft man ebenfalls nirgendwo günstiger.

Ich bemerke, dass an diesem Stand Landsmänner und -frauen mit „Schwester“ oder „Bruder“ angesprochen werden. Beißen Bruder und Schwester aus Versehen zu heftig auf einen Olivenkern (das Landbrot ist hart wie Stein), oder das Gebiss gerät aus den Fugen, so wird direkt am Markt schnell geholfen, denn wie im alten Orient ist auch hier ein Dr. Mustafa zur Stelle.

Mich zieht es an einen der verlockend duftenden Imbiss-Stände. Arabisch, deutsch, portugiesisch, griechisch oder türkisch? Von jedem etwas! In meiner grünen Tüte stapeln sich Ankerklause-Markt-61Börek, CousCous-Salat, Vanille-Törtchen, Olivenmix und Bio-Buletten mit Dinkel-Brot. Mit meinen Schätzen setze ich mich ans Ende der Marktstrecke zu den anderen auf der Straße. Hier hat sich inzwischen eine südamerikanische Musikgruppe niedergelassen. Sie spielen natürlich: „El Condor Pasa“. Einfach nicht totzukriegen!

ANKERKLAUSE
Kottbusser Damm 104
10967 Berlin
Tel.: 030 – 69 35 649
Montag: 16.00 bis 3.00 Uhr
Dienstag – Sonntag: 16.00 bis 3.00 Uhr

BiOriental
Dienstag und Freitag: 11.00 bis 18.30 Uhr
Tel.: 030 – 29 77 24 86
Mobil: 0163 – 52 82 890

0 Gedanken zu „ANKERKLAUSE – Oriental!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.