Tragt das Geld in die Wirtschaft

Diesen Satz muss man den Gästen des Wirtshauses ZUR QUELLE im alten Berliner Arbeiterbezirk Moabit wohl nicht extra sagen, denn hier wird ganz freiwillig die Wirtschaft in der Wirtschaft angekurbelt. Der Zapfhahn ist 24 Stunden in Betrieb – wie die Kneipe selbst. Rund um die Uhr gibt es „Bier – Weine – Schnäpse – Frühstück“. Die freundlich-resoluten Frauen hinter dem Tresen arbeiten in drei Schichten, denn an diesem Ort gibt es das kühle Bier zum günstigen Preis an sieben Tagen in der Woche, ohne Pause. „Wir sind ja schließlich nicht zur Erholung hier“, verrät mir die diensthabende Quellen-Wächterin. Sie ist nicht nur charmant und unterhaltsam mit den Gästen, sie hört sich jede Lebensgeschichte an und hat für jeden einen Rat. Sie muss den Überblick behalten, die Deckel richtig zusammenrechnen und aufpassen, dass sich alkoholisierte Streithähne nicht zu nah kommen. Sie ist stolz darauf, dass die Polizei nie gerufen werden muss, denn eine Sicherheitskamera scheint als Schutz zu genügen.

„Das regeln wir alles unter uns“, sagt sie und spült nebenbei zwanzig Biergläser. Aus der Freundesrunde kam der Tipp für diese Kneipe, denn bei vielen bin ich als Kaffeetrinker verschrien (den es in der Quelle natürlich auch gibt!). Freunde, die mich länger kennen, wissen, dass ich genau so gerne Bier trinke, alles zu seiner Zeit. Darum bin ich heute Abend hier gelandet, um zu testen, wie lange ich mithalten kann, wenn der Gerstensaft  vierundzwanzig Stunden fließt. 

An meinem Tisch sitzt ein müder Mann, der solch einen Durst hat, dass ich fürchte, er trinkt das Glas gleich mit. Ein anderer scheint den Hauptteil schon hinter sich zu haben und traut sich nur noch an ganz kleine Gläser. Hier wird die kleinste Dosis Bier aus Cognac-Gläsern getrunken. Dieses Format heißt „Liliput“ und deswegen gibt es auch zum Draufstellen keinen ganzen Bierdeckel, sondern nur ein Viertel davon. Man hat Stil. Die Stimmung erreicht hier mehrmals am Abend Höhepunkte, die nicht nur von den Schlagern der Jugendzeit aus der Musik-Box gekrönt werden. Die meisten singen (grölen) mit und ein Paar tanzt sogar dazu. Sie haben sich heute bei der dritten Runde von Marianne Rosenbergs „Du gehörst zu mir!“ kennengelernt.

Wenn die Situation es hergibt, ist  hier eben „Ball der einsamen Herzen“! Der mit Sonnenbrille getarnte Mann führt die Frau an den Tresen, wo sich inzwischen ein anderer Herzensbrecher einquartiert hat, der sehr nach Hamburger Hafen aussieht, an diesem Abend aber sein Schiff zu Hause gelassen hat und fröhlich berlinert. Das ohnehin sehr gut gemischte Publikum wird allabendlich von fremdländischen Touristengrüppchen bereichert, die unbedingt echten Berliner Arbeitern beim Trinken der Molle zuschauen wollen. Die Arbeit ist inzwischen leider auch hier rar geworden, aber das Bier fließt an dieser Stelle schon seit über 100 Jahren. Diese Einrichtung in Alt-Moabit/Ecke Stromstraße ist also kein richtiger Geheimtipp mehr, aber immer noch eine Steilvorlage für das Wortspiel, denn hier sind die Gäste meistens sehr unter „Strom“. Die alte Schultheiss-Brauerei ganz in der Nähe wurde im 2. Weltkrieg verschont und gehört zur schönsten Industrie-Architektur im Berliner Westen. Das alte Firmen-Logo kann man hier in der Gaststätte bewundern. Es ziert  die große Glasscheibe auf der Tür des Waschraumes. Dahin gelangt man über eine kleine Treppe, die zum Nicht-Raucher-Raum führt. Hier wird intensiv Billard gespielt und „nur“ getrunken. An dem großen Tisch vor diesem Sportraum hat sich eine Truppe Jugendlicher aus Skandinavien niedergelassen, die eine Runde nach der nächsten bestellen, es muss schnell gehen, denn  in der Heimat ist der Stoff wieder teuer!

Mancher hat nun Hunger bekommen und ich sehe Teller mit Bockwurst oder Buletten, Brot und Kartoffelsalat. Das ist aber auch schon alles, mehr gibt es nicht. Die Bedienung erklärt mir noch, dass die Karte nie umfangreicher war. Man ist hier all die Jahre mit dem kleinen, typischen Kneipen-Angebot ausgekommen. Das kann mir nur recht sein. Ich nehme dann mal eine Bockwurst. „Mit Kartoffelsalat?“ fragt sie . „Klaro, wenn schon, denn schon“, antworte ich. Sie lacht: „Wird jemacht!“

Leider muss ich zur vorletzten U-Bahn; die Station Turmstraße ist nur einen Steinwurf entfernt. Noch ein letztes, ein ganz kleines Bier bestelle ich noch, weil ich neugierig bin, wie es mit dem tanzenden Paar weitergeht, denn ich höre ihn gerade schmachtend fragen: „Und, was soll nun aus uns werden?“. Das erzähle ich beim nächsten Mal.

ZUR QUELLE
Alt Moabit 87
10559 Berlin
Tel.: 030 – 39 14 289
Durchgehend geöffnet

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