Vorsicht: heiße Suppe!

Hilfe, die Tram legt sich quietschend in die Kurve und bereitet mir einen unfreiwilligen Suppengenuss. Mein Ellbogen hängt doch wirklich in einem großen Becher warmer Currysuppe, die intensiv nach Kantine riecht. Für Sekunden stehe ich in Schock-Starre, aber da wird auch schon neben mir die Entschuldigung hinter einem Plastiklöffel gemurmelt. Die hungrige Mitfahrerin hat auch nicht mit dem Schwung in der Kurve gerechnet. Langsam gewinne ich den Eindruck, dass es völlig unmodern geworden ist, zu Hause zu essen, denn um mich herum wird geschmatzt, geschlürft, gekaut, getrunken, gegessen, abgeleckt, probiert, verworfen, runtergeschluckt und ausgespuckt. Ob man die Suppe im Rücken spürt oder seine Schuhe nicht mehr sehen kann, weil ein Döner-Innenleben darauf gefallen ist – ich finde, dass die rastlose Gesellschaft übertreibt.

Das Lebensmittel-Erfolgsrezept heißt TO GO. Niemals zuvor wurden so viele flüchtige Essensportionen und Getränke rund um die Uhr in Umlauf gebracht. Lifestyle und Individualität sollten so vermittelt werden, aber ich frage mich, was unterscheidet heute noch ein Individuum vom anderen? Die Currywurst, das belegte Baguette, Quiche, Tapas, Wraps, Maiskolben, Scampispieße,  Pizzastücke, Chinanudeln, Sushi oder Veggie-Burger? Fast jeder schiebt sich unterwegs etwas Essbares in den Mund. Auch der Abteilungsleiter im Anzug mit Kravatte hat in der Pause nur noch Zeit für einen Doppel-Decker mit Käse und Tomaten.

Aber nicht nur der Konsument ist mobil, inzwischen sind es die Anbieter auch. Damit meine ich nicht das bewährte „Essen auf Rädern“, sondern ein Beispiel, das noch ungewöhnlicher ist: die Wurst-Maxen vom Alexanderplatz, die ihre Grillstation am Leibe tragen! Für eine Gruppe von Touristen ist dieses eine Attraktion, die im Moment größer ist, als die der Weltzeituhr.

Sämtliche Kaffee- und Tee-Variationen unterwegs zu trinken, gilt schon lange als „cool“ und zeitgemäß – hetzende Leute mit dampfenden Trinkbechern sind gar nicht mehr aus dem Straßenbild wegzudenken. Mit der Brotbüchse auf dem Schoß wurde früher der Kaffee brav aus dem aufgeschraubten Plastikbecher der mittransportierten Thermoskanne getrunken. In der Pause am Arbeitsplatz, beim Picknick oder auf längeren Autofahrten in die Ferienorte unserer Kindheit. Keine schlechte Erinnerung. Aber ich gebe zu, der frisch zubereitete „Coffee to go“ aus den stabilen Pappbechern der  Kaffeehaus-Ketten schmeckt heute besser als der Filterkaffee von damals.

Umweltfreundlich verhalten wir uns mit der TO GO-Konsumwut wahrlich nicht. Denkmäler aus Plastik und  Pappe zeugen (speziell in den Innenstädten) von unserer Freiheit, überall und zu jeder Zeit essen und trinken zu können. Sie werden schnell zu Mahnmalen für diejenigen, die nicht nur ihre Grundbedürfnisse in festen Einrichtungen stillen, sondern in Cafés, Bars, Restaurants und Kneipen, noch das Wort „Genuss“  über das der „Nahrungsaufnahme“ stellen.

0 Gedanken zu „Vorsicht: heiße Suppe!

  1. Schon Tucholsky hat geschrieben, dass die Berliner keine Zeit haben. Ich lese die Kolumne, neben mir dampft ein Glas Tee, auf dem Teller ein warmer Pfannkuchen (Ha! Berliner!), den ich gleich genüsslich mampfen werde. Wo
    das möglich ist? Nicht in Berlin, auf dem Lande, in der Provinz.

  2. Ich mag die To go Mentalität sehr, obwohl ich weiß, dass die „Kultur“ dabei ein wenig auf der Strecke bleibt. Aber es entwickelt sich eine neue. Und ich genieße den Kaffee in der Hand die vielen Menschen um mich herum und die Gespräche, das Gemurmel, jetzt eben nicht mehr nur im Café, sondern auch auf dem Weg dorthin. Alles hat seine zwei Seiten….

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