Schön schwarz!

Schwarzes Cafe - aussen 2Im alten Westberlin gibt es ein Lokal, das niemals ruht. Es ist seit 1978 jeden Tag 24 Stunden lang geöffnet. Im Fenster zur Kantstraße hängt ein Papagei aus bunten Leuchtröhren. Vor zwanzig Jahren hatte ich mich schon gewundert, warum ausgerechnet ein bunter Vogel ins SCHWARZE CAFÉ lockt. Auch heute fällt mir und den Leuten hinter dem Tresen dazu keine Erklärung ein. Genau so unerklärlich ist mir auf dem Weg dorthin, der Hype um die PARIS BAR, die auch immer noch dort ist. Und noch immer sitzen in den Fenstern erstarrte Touristen, die Prominente sehen wollen. Das ist in diesem Teil von Charlottenburg nicht schwer, denn rund um den Savignyplatz war schon immer viel Tag- und Nachtleben.

Schwarzes Cafe - AusschankDas diskrete SCHWARZE CAFÉ hat also zu meiner  Freude überlebt. Einst dunkelrote Wände auf der 1. Etage sind jetzt strahlend weiß, aber es gibt noch Nischen und unten die schöne große Bar, die ganz in Rot und Schwarz bleiben durften. Das Anarchistische, das Vermächtnis der linken Szene, aus der früher das Publikum kam, ist gewichen. Vom Plattenteller dudelt nicht mehr die Neue Deutsche Welle oder ein heftiger Schlag der „Einstürzenden Neubauten“, sondern gediegener Jazz-Smooth.

Schwarzes Cafe - innen - FensterAch ja, wir sind alle älter geworden….aber das fällt hier nicht auf. Ob zum Frühstück oder als Nacht-Asyl: das Publikum zwischen 16 und 70 Jahren kommt nicht zu kurz. Meist ist für jeden etwas dabei. Viele Pärchen, die sich erst seit einigen Stunden kennen, köpfen nach durchfeierter Nacht hier das Frühstücks-Ei (4,5 Minuten), während zum Nebentisch das 12. Bier gebracht wird. Die einen sehen glücklich aus und knutschen, die anderen kämpfen mit flüssiger Hilfe gegen ihr Unglück und das der Welt.

Schwarzes Cafe - innen - EckeEine fröhliche Runde feiert sich selbst und bestellt laufend Sektflaschen, andere weinen in ihren tristen Rotwein. Gelobt sei das „SCHWARZE“ als Aufenthaltsort für jede Lebenslage! Auch Merkel-Friseur Udo Walz feiert den Ort in seinem Buch „Mein Berlin“.  Er empfiehlt die Zeit morgens zwischen 3.00 und 5.00 Uhr, dann sei es hier immer noch authentisch. Um diese Zeit ist im oberen Bereich kein Stuhl mehr frei. Unermüdliche Rosen-Verkäufer versuchen dann alle 30 Minuten ihr Glück und stören das angenehme Halb-Koma der Gäste.
Stundenweise sind Getränke wichtiger als Speisen. Riesige  Sandwiches,  Kuchen, fantasievolle Suppen, feine Currygerichte, zehn unterschiedliche Frühstücksangebote, Schwarzes Cafe - Toilettedeftiger Käsetoast oder Quark mit Früchten und vieles mehr, werden an diesem legendären Ort rund um die Uhr serviert. Im Sommer werden hinten im Hofgarten  die Gartenmöbel aufgestellt und auf dem Balkon in der ersten Etage gibt es einen einzigen Tisch, der jeden Abend verlost wird. Ambiente und Angebot haben im SCHWARZEN Kultstatus und wurden bereits in Kreuzberg und Friedrichshain kopiert – aber nicht erreicht. Das SCHWARZE CAFÉ hat sich, wie ich sehe, keinem Trend gebeugt; es ist sich unbeirrt treu geblieben und hat trotz einiger notwendiger Renovierungs-Versuche auch seine typisch  schwarz gekachelten Waschräume erhalten.

Ich habe den Eindruck, dass hier einer DER Orte in Berlin ist, die Berlin zu Berlin machen. Überzeugen Sie sich davon nach durchfeierter Nacht, oder stellen Sie den Wecker auf 3.00 Uhr und kommen Sie in Ihrem schönsten Bademantel her. Es wird niemandem auffallen!

SCHWARZE CAFÉ
Kantstraße 148
10623 Berlin
Telefon: 030 – 31 38 038
24 Stunden geöffnet

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