Jagdszenen aus Ungarn

Ungarn - aussenDie rot-weiß-grüne Fahne Ungarns sehe ich schon von weitem im Wind flattern, darum ist es völlig klar, dass ich hier eine Pause machen muss. Der bunte Farbtupfer im grauen Häusermeer an der Ecke Eschengraben/Wettersteinstr. macht mich neugierig. Und dort steht es auch schon laut und deutlich: Es handelt sich um eine Ungarische Gaststätte. Vergeblich suche ich nach einem Namen, die solche Kneipen allgemein tragen: Puszta-Stuben oder Paprika-Eck. Die Berliner Wirtin erklärt mir später, dass sie und ihr ungarischer Mann es lieben, wenn man weiß, woran man ist: Dies ist eine UNGARISCHE GASTSTÄTTE und nichts weiter.

Schon seit 1995 existiert dieses Speiselokal und hat unter Garantie noch nie die Einrichtung oder die Dekoration gewechselt. Da ich heute zum ersten Mal hier bin, muss ich erst einmal die Furcht vor den Jagd-Trophäen überwinden, die in Ungarn - Wildschweingroßer Zahl den Schankraum schmücken, der wie ein größeres Wohnzimmer wirkt. Aufgespannte Wildschweinfelle und Hirschgeweihe in allen Größen und Endungen zieren die Wände. Über dem Durchgang zum zweiten Raum grinst mich ein Fuchs an. Etwas gruselig ist es hier schon. Soll ich mir  trotzdem ein Wildschwein-Gulasch mit Nudeln bestellen? Eine Kleinfamilie bekommt gerade vier dampfende und wohlduftende Teller mit warmem Essen serviert. Auch sie sitzen unter einem solchen Fell, also nur Mut, sage ich mir. „Szegediner Gulasch“ (mit Sauerkraut) und dazu eine Portion  „Lángos“ (Hefe-Fladenbrot mit Saurer Sahne und Reibekäse), so lautet meine Bestellung; dazu schmeckt das Bier vom Fass, vom Wirt Istvan persönlich gezapft. Meine Tischnachbarin schwärmt vom „Letscho“. Sie meint, dass nur Ungarn diese besondere Mischung aus süßem Paprika und feuriger Schärfe hinkriegen. Sie löscht das Paprikafeuer mit einem Rotwein vom Balaton, der Schoppen ist hier für 2,90 € zu haben! Auch die Preise für die Hauptgerichte sind  in diesem ungarisch-deutschen Wohnzimmer moderat: zwischen 4,- und  8,- €. Das können sich die Anwohner Ungarn - Scartin den umliegenden Häuserblöcken durchaus mal leisten, wenn zu Hause „die Küche brennt“. Genau dieses Argument höre ich von einem Gast an der Bar, der hier so manchen Abend verbringt. Sein treuer Begleiter zum Bier ist der Kräuterschnaps Unikum, den er der brutzelig-scharfen Kolbasz-Wurst zwecks Verdauungsförderung hinterher kippt.

Ich habe den Eindruck, dass hier alle ganz zufrieden sind, auch die Dart-Spieler im Nebenraum. Hier finden sich ebenfalls Jagdtrophäen aus Feld, Wald und Trödelladen – oder die berühmten  Blechschilder mit originellen Sinnsprüchen wie: „Lieber Feste feiern, als feste arbeiten“. Für Feste aller Art kann man diesen Raum mieten, die Wirtsleute übernehmen das Catering.

Es ist nun Küchenschluss und Istvan wechselt von der Zapfsäule am Tresen zur Geschirrspülmaschine und Aufräum-Aktion in seinen Arbeitsbereich, den ich mit der Kamera leider nicht betreten darf. So begnüge ich mich mit einem letzten, kleinen Bier und lausche dem Balkan-Pop, denn die Wirtin ist für einen geselligen Ausklang und hat eine entsprechende Musik eingelegt.

UNGARISCHE GASTSTÄTTE
Eschengraben 41
13189 Berlin
Tel. 030 – 473 23 00
Öffnungszeiten:
Montag: ab 18.00 Uhr
Dienstag – Freitag  ab 14.00 Uhr
Samstag und Sonntag ab 18.00 Uhr
Küchenschluss 22.00 Uhr

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