Im Westen was Neues

Grosz - EingangDer Berliner Westen wird gerade wieder „ausgehfein“ gemacht, habe ich gehört. Am Bahnhof Zoo entstand das Waldorf-Astoria-Hotel und ein Stück weiter oben, dort wo der Ku’damm noch chic ist, gibt es im Haus Cumberland ein neues Kaffeehaus im alten Stil, das GROSZ. Der Ku’damm ist aus Berlin nicht wegzudenken, jedoch galt er mit seinen Seitenstraßen in den letzten Jahren als verstaubt; nun ist es an der Zeit, das berühmte Flair neu zu beleben. Ein Schauplatz für gesteigerten Genuss und Vergnügen wurde vor kurzem in diesem denkmalgeschützten Prachtbau von 1912 geschaffen. Das imponierende Gebäude hat eine wechselvolle Geschichte. Unter anderem befand sich hier von 1966 bis 2003 Berlins Oberfinanzdirektion. Das ist sicherlich ein positives Omen für guten Umsatz und viele Steuern, die in die poröse Stadtkasse fließen können.

Alle Welt schwärmte von der neuen Mitte Berlins, hüben wie drüben, und Roland Mary, der Besitzer des „Borchardt“, zog wie ein Magnet die Menschen in sein Schaufenster in der Französischen Straße. Sein Konzept ist noch immer erfolgreich, darum liegt nichts näher Grosz - Gaeste 3als eine Investition im alten Westen. Und er hat es wieder geschafft, alle unter ein Dach zu bringen: Kenner und Touristen, alten Ku’damm-Adel, Neu-West-Berliner, Alt-Ost-Berliner, aufgebrezelte Damen und Herren mit Marken-Sonnenbrillen und anderen Abzeichen des materiellen Wohlstandes. Dazu Charlottenburger Anwohner und viele Gäste aus den umliegenden Hotels, das sollte die richtige Mischung ergeben. Heute hängen, obwohl es eine bewachte Garderobe gibt, viele Anoraks über den Stühlen. Die Gäste sind nicht ganz so stilsicher wie die pompöse Einrichtung.

Grosz - GangMeterhohe Decken, Marmorfußböden, eine edle Bar aus dunklem Holz, die mit ausladenden Blumenbouquets und Obst-Etageren geschmückt ist; zwei Speise-Säle, die festlich wirken, ein Kamin und ein Pater Noster, apricotfarbene Wände und cremefarbene Jugendstilsäulen, viel vermaltes Gold, Spiegel und Leuchten sorgen für atemnehmendes Ambiente.

Meinen Kaffee (Premium-Röstung) trinke ich aus einer Meißner Porzellan-Tasse, schwarz, mit Goldrand. Wenn sie mir aus der Hand fällt, muss meine Haftpflicht helfen, denn so ein edles Teil kann ich bestimmt nicht bezahlen. Erste Klasse kostet eben mehr!

Der Besitzer wollte ein Kaffeehaus gründen, wie es sie heute in der Stadt nicht mehr gibt. Das GROSZ entspricht genau seinen Vorstellungen, „wenn das Kaffeehaus schließt, braucht man ein Restaurant, danach eine Bar und am nächsten Morgen frische Croissants.“ Und bei gutem Wetter braucht man einen Innenhof, der zur Sonnenseite liegt! Auch den hat Roland Mary perfekt gestalten lassen.

Grosz - GaesteBei meinem Rundgang staune ich über glamouröse Details der Einrichtung, aber mir fehlt noch der Bezug zum kritischen, politisch spottenden Dadaisten/Karikaturisten George Grosz, dem genialen Wilmersdorfer Trinker, der in seinen Darstellungen häufig die Zustände der Gesellschaft aufs Korn nahm.

Erst der Konsum erfrischender Getränke machte es nötig, das ebenfalls elegante WC aufzusuchen. Die Wegführung dorthin erwies sich als künstlerisch begleitet: zwei großformatige Grosz-Reproduktionen ziehen sich an der Wand hinter dem rechten Handlauf hoch. Ein recht ungewöhnlicher Ort. Aber warum Grosz - Obstnicht? Grosz hätte es wahrscheinlich gefallen. Ich überlege noch, welche der angebotenen „Götterspeisen“ aus der Küche ihm geschmeckt hätten. Eine Bouillabaisse, Austern, Filet Mignon, Boeuf à la mode? War er überhaupt ein Feinschmecker, dem das Ambiente gefallen hätte? Hätte er sich gefreut, dass nicht nur dieses edle Kaffeehaus, sondern auch ein kleiner Platz auf der gegenüberliegenden Seite des Ku’damms nach ihm benannte wurde? Oder hätten die Gäste, die sich gerade beschweren, dass der Kaviar aus ist, ihn zu einem kritischen Bild inspiriert? Wie würde er heute die „Stützen der Gesellschaft“ wohl darstellen?

GROSZ
Kurfürstendamm 193/194
10707 Berlin
Tel.: 030 – 652 14 21 99
Geöffnet:
Montag – Freitag: 8.00 bis 1.00 Uhr
Samstag u. Sonntag: 8.00 bis 3.00 Uhr

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