Thomas im Club

Cassiopeia - RAW, PlakatIn Berlin-Friedrichshain ist man wacher als anderswo und ein ganz spezielles Lebensgefühl soll es zwischen Oberbaumbrücke und Revaler Straße geben. Hier reiht sich Club an Club. An jedem Wochenende ist hier Völkerwanderung, etliche Kulturadressen ziehen ein buntes Volk an. Viele hundert Meter streckt sich eine alte Backsteinmauer durch die Revaler Straße. Dahinter befindet sich eine der größten Party- und Kultur-Oasen der Stadt. An drei Stellen tun sich Lücken auf und mit Glück und Taschenlampe findet der Neugierige drei Buchstaben und zwei Zahlen, die ihm sagen, dass er sein Ziel erreicht hat – RAW 99 lautet die Formel. Das alte Reichsbahn-Ausbesserungs-Werk mit der Hausnummer 99 ist eine riesige Industriebrache mit 71.000 Quadratmetern Fläche.

Cassiopeia - Titel - neuHier haben sich Skaterhalle, Kletterkegel, Flohmarkt, Kinderzirkus, Freiluftkino, Biergarten, Töpferwerkstatt, Kulturhaus Astra, Veganes Restaurant, Konzerthalle und Clubs in den letzten Jahren angesiedelt. Sie fürchten jetzt um ihre Existenz und jenes „Lebensgefühl“. Über die Zukunft dieses Geländes wird schon viele Jahre gestritten. Die Zeichen stehen auf Veränderung und Bebauungspläne für Eigentumswohnungen liegen vor, so jedenfalls die Tagespresse.

Darum heute noch schnell im CASSIOPEIA laute Musik hören, mit den Beinen wippen und die Flasche nicht mehr aus der Hand geben. Ich folge dem flackernden Licht Cassiopeia - Band B1in eine Musikrichtung, die sich Indiepunk nennt. Der Einlasser mit Wollmütze verteilt cool Stempel auf die Haut. Nach einem kurzen Set geht noch einmal sparsames Licht an, so dass ich mich orientieren kann. Dann geht auch schon die Post ab. Der Frontmann wiegt morgen bestimmt zwei Kilo weniger, ich bestaune seine rhythmische Gymnastik. Es reißt bald auch alle mit, die vor der Cassiopeia - PauseBühne stehen oder sich am Tresen festhalten. Jetzt kommt Bewegung in die Truppe! Nur ein paar Mädchen drücken sich noch an der Wand herum und zeigen sich gegenseitig auf dem Smartphone die neuesten Wischtechniken. Draußen wird geraucht und diskutiert. Ich sehe mich im feinen Nieselregen auf dem Gelände um und betrachte auf dem alten Gemäuer die vielen bunten und verrücktesten Graffiti-Kunstwerke. Die Kletter-Artisten im Nebengebäude sind auch noch aktiv und erklimmen die künstlichen Höhen, andere seilen sich ab, um den zweiten Teil des Konzertes mitzubekommen. Ein herumstehender Mit-Trinker erzählt mir, dass es auf dem RAW-Gelände Cassiopeia - kletternkaum möglich sei, dass zwei Besucher am selben Abend gleiche Programme erleben, so groß ist die Auswahl. Die Kreativität kennt hier keine Grenzen.

Ich bin jetzt konsequent und mache mein eigenes Programm, denn der Hunger meldet sich. Kurz vor Mitternacht erreiche ich die Imbiss-Buden vorm S-Bahnhof Warschauer Straße. Es ist fast kein Durchkommen mehr. Zwischen den Stehtischen Pfützen. Die Schritte schmatzen beim Gehen, unter den Sohlen knirscht Altglas. Die Müllkörbe quellen über, aber das stört alles nicht. Die ersten Flaschensammler kreuzen auf. Auf das RAW-Gelände trauen sie Cassiopeia - RAW, Grafittisich nicht, das ist streng aufgeteilt. Das erzählt mir der Dönermann, der auch froh ist, wenn er zu seiner Familie nach Hause kann, dennoch mag er seinen Job, „hier ist jede Nacht Live-Konzert, die S-Bahnbrücke gehört nachts den Beatboxern“, sagt er. Ich wechsle noch einmal kurz zum Currywurst-Stand, um mir den endgültigen kulinarischen Kick zu geben. Dann mache ich mich auf den Weg über die Oberbaumbrücke nach Kreuzberg und singe mit den Musikern dort: „Wir lieben den weiten Raum und die Nacht“.

RAW-Gelände/Cassiopeia
Revaler Straße 99
10243 Berlin
Tel.: 030 – 29 36 29 66
Geöffnet:
Montag – Freitag ab 14 Uhr
Samstag und Sonntag ab 10 Uhr

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