Bei Willi in der Bölsche

Boelschestr. - StrassenschildEine der schönsten und interessantesten Straßen Berlins zieht sich durch den Stadtteil Friedrichshagen. Sie beginnt an der gleichnamigen S-Bahn-Station und führt von hier aus direkt zum Müggelsee. Der Weg zum Bade- und Erholungsparadies kann also lang werden, denn es gibt in der „Bölsche“ viel zu sehen, zu essen und zu trinken, zu kaufen und zu erleben. Die einstige „Friedrichstraße“ wurde 1947 nach dem Mitbegründer des Friedrichshagener Dichterkreis, Wilhelm Bölsche, umbenannt. In seinem Haus trafen sich hier draußen die Künstler des Naturalismus, die der lauten Großstadt entfliehen wollten und nach neuen Werten suchten.

Charakteristisch für die Bölschestraße ist aber nicht der „Club der toten Dichter“, sondern sind die vielen denkmalgeschützten Häuser mit den sehr unterschiedlichen Giebel-Höhen und deren reich Boelschestr. - Kino Uniondekorierten Fassaden. Die vielen Einzelhandelsgeschäfte und kleinen Dienstleistungs-Unternehmen in diesen schönen Häusern machen das Straßenbild so rund und bunt. Friedrich der Große war es, der einst dafür sorgte, dass sich hier Baumwoll- und Seidenspinner aus Böhmen und Schlesien ansiedelten. Sogar Maulbeerbäume für die Seidenraupen ließ er hier anpflanzen.

Ich bestaune die renovierte Villa der Commerzbank, schaue rüber zum Kino Union und freue mich. Es gibt es noch! Kürzlich feierte es seinen 100. Geburtstag. Einen Oscar für dieses schöne alte Kino!

Ich gehe vorbei am „Thüringer Ritter“, der feinste Bratwürste grillt.  Ein paar Schritte  weiter wird für „Persönliche Wäscheberatung“ geworben. Im Café der „Dresdner Feinbäckerei“ nebenan wird heute StachelbeertorteBoelschestr. - Thueringer Ritter zum halben Preis angeboten.
Boelschestr. - BH - neu 2Boelschestr. - Markt-Muetzen - neu Nicht weit weg lädt die „Mode-Galerie Matilda“  die Damen zu einem Besuch ein. Und schon befinde ich mich auf dem traditionellen Wochenmarkt, auf dem Waren aus der Region angeboten werden und eine Mützenparade die Käufer auf den Winter hinweist. Die Uhr der Christophoruskirche weist mich darauf hin, dass Willi bereits wartet.
Willi ist meine Verabredung.

Willi kennt in Friedrichshagen fast jeder und umgekehrt ist es ebenso. Willi ist hier aufgewachsen, bei ihm soll es das köstlichste Würzfleisch der Region geben. Etwas versteckt, gleich hinter der Kirche finde ich sein Restaurant „Zur Boelschestr. - Glocke - SchrftGlocke“. Willi begrüßt mich herzlich und erzählt über die wechselvolle Geschichte des Hauses. 1870 wurde es erbaut und war Boelschestr. - Nr. 31eines der vielen Kolonistenhäuser hier in Friedrichshagen. Die Kirche nebenan, der Friedhof dahinter, – kein Wunder, dass es zeitweise zum Pfarrhaus wurde. Überhaupt wurde zwischen diesen Wänden viel gewohnt, aber auch manches verkauft. Das Haus wurde auch zum Laden für Feinkost, später für Wohnaccessoires, schließlich zum Restaurant „K. und K. Hoflieferant“ mit österreichischen Spezialitäten. Aber auch die „Delfter Stube“ danach konnte sich nicht halten. Neue Ideen mit viel Mut waren gefragt.

Willi hat gut zu tun, lässt es sich aber nicht nehmen, die neuen Gäste mit Handschlag zu begrüßen. Ich genieße derweil mein Bayreuther Zwicklbier aus dem Krug und sehe mich um. Es Boelschestr. - Chrissieht gemütlich aus und die Kuschelkissen auf den Bänken laden zum Verweilen ein. In der Ecke steht ein nostalgischer Garderobenständer aus der Vorwendezeit, der seinen Wert hat – eine Leihgabe von Pfarrer Alexander Höhner nebenan. Über den Tresen kann ich bis in die Küche sehen, in der gerade verschiedene Gerichte zubereitet werden. Eine schöne Auswahl von Blattsalat mit Hähnchenbrust-Streifen, Hirschkeulenbraten mit Rosenkohl und Butterspätzle, Argentinisches Rumpsteak mit Speckbohnen, bis zum gebratenen Zanderfilet mit Kürbis-Kartoffelpüree. Der Koch heißt Chris; er hat alles „auf der Pfanne“ und mehr, das ist sein Metier. Aber auch Sonderwünsche, die gerade nicht auf der Tageskarte stehen, können erfüllt werden. Bei Vorbestellungen macht Chris alles möglich, auch Eisbein mit Sauerkraut und Erbsenpüree bei 30 Grad im Schatten.

Boelschestr. - Willi, ZwicklWilli steht hinterm Tresen, ist stolz auf seinen Koch und ergänzt: „Alles kommt frisch auf den Tisch – dafür sorgen auch unsere Lieferanten, z.B. die Firma Feddersen und der Berliner Großmarkt in Moabit“. Willi kennt sich in der Gastronomie aus, erlernte den Beruf des Kellners. Die Leidenschaft zum Beruf wuchs und der Wunsch nach einem eigenen Restaurant wurde 2012 umgesetzt. Mit viel Kraft und Mut zum Risiko konnte er in den rekonstruierten, renovierten und neu gestalteten Räumen sein Restaurant „Zur Glocke“ eröffnen. Willi hebt die Augenbrauen: „Ja, der Weg war steil und mühsam, aber es hat sich gelohnt“.

Inzwischen hat mir Chris den Wunsch erfüllt: Würzfleisch vom Huhn, ein Klassiker aus DDR-Zeiten, mit frischen Champignons, Kapern, Käse überbacken, Zitrone und Worcestersauce. Dazu gibt es die nie fehlende Scheibe Toast, wunderbar – ich genieße!

Dina Hummel 5Durch die Tür stürzt eine temperamentvolle Frau auf Willi zu. Herzlich begrüßen sie sich – ich werde mit einbezogen und erfahre, dass es die Künstlerin Dina Hummel ist. Sie sorgte für die farbliche Gestaltung der Gasträume. Heiter weist sie mich auf das Boelschestr. - Willi u. DinaWeintraubenband an der Wand hin, wo sie mit dem Pinsel etwas zu viel Schwung nahm. Sie lacht: „Das dort ist der menschliche Faktor!“ Ihr hat die Arbeit bei Willi viel Spaß gemacht. Sie versorgt ihn mit kreativen Tipps, er sie mit Kaffee, wann immer sie vorbeikommt.

Die Zeit drängt, ich muss los. Willi winkt mir zu und ich verspreche bald wieder zu kommen, gleich im Frühling, wenn in der „Bölsche“ die Maulbeerbäume blühen und er vor seinem Restaurant den Grill angefeuert hat. Darauf freue ich mich schon heute!

Zur Glocke
Silvio (Willi) Pannek
Bölschestraße 31
12587 Berlin
Tel.: 030 – 85 617 997
Geöffnet:
Montag – Samstag: 17.00 Uhr bis 00.00 Uhr
Küche bis 22.00 Uhr
Sonntag: Ruhetag

0 Gedanken zu „Bei Willi in der Bölsche

  1. Ich kenne zwei Frauen, die im Frühling gerne mitkämen. Meine Tochter liebt unser DDR-Würzfleisch und ich könnte sie zu einem Ausflug mit Mama ganz sicher überreden…

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.