Spätschicht im Kiez

Spaeti - TorstrasseWer glaubt, dass das Copyright für den „Spätkauf“ alleine den Berlinern gehört, liegt falsch. Bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es diese Läden, die weit über den Ladenschluss hinaus geöffnet hatten. Man nannte sie damals „Trinkhallen“. Sie wurden vor den Werktoren errichtet, um den Fabrikarbeitern einen genüsslichen Feierabend bei Mineralwasser, Bier und Schnaps zu bereiten. Erst viel später fand man diese „Trinkhallen“ auch an öffentlichen Plätzen. Für den sofortigen Bedarf kamen dazu: Tabak, Süßwaren, ein überschaubares Lebensmittel-Sortiment, Zeitungen und die Möglichkeit, Lotto zu spielen. Diese Idee des „Spätkaufs“ ist in weiten Teilen Deutschlands bekannt, je nach Region werden sie jedoch unterschiedlich benannt, z.B.: „Wasserhäuschen“ (Frankfurt), „Kiosk“ (Nord- und Süddeutschland), „Bude“ (Ruhrgebiet), „Büdchen“ (Rheinland). Und „Späti“ nennt sie der Berliner (aber auch der Sachse).

Spaetkauf - Kiez-KioskWer am Abend oder noch später hungernd und durstig durch das ebenso nicht schlafende Berlin geht, hat nichts zu befürchten. Egal in welchem Stadtteil er sich befindet, „Spätis“ gibt es überall. Hier kann der Nachtmensch, ob Kiez-Bewohner oder Tourist, nach Lust das kaufen, worauf er gerade Appetit hat, – wonach ihm der Sinn steht: der Raucher bekommt seinen Tabak, der Durstige seinen Durstlöscher, der Vergessliche seine Tütensuppe, der Tierfreund das Katzenfutter, der Genießer seinen edlen Tropfen und der ewige Bastler, Spaetkauf - Schoenhauserwenn es unbedingt sein muss, im „Baumarkt-Späti“ schnell noch die passenden Schrauben. Aber auch für andere ist dieser Ort sehr wichtig. Der Einsame lernt in seinem „Späti“ mit Glück vielleicht eine Freundin kennen. Dort kann er endlich wieder ein paar Worte wechseln mit Hasan dem Gemüsemann oder mit Herbert dem Hartz IV-Empfänger. Freuen kann sich auch der frühe Leser, der manchmal nur in den Zeitungen stöbern will, ohne zu kaufen. Alles ist möglich. Dem Zugezogenen bieten viele „Spätis“ eine der vielen Internet-Kabinen an, sogar Telefonzellen, damit er seine neue Adresse für Spaeti - Berliner Allee 2Spaetkauf - PCSpaetkauf - Telefonzellennur 50 Cent/halbe Stunde schnell weitergeben kann. Kurzum, der „Späti“ ist Kramladen, Ersatz-Kneipe, Single-Börse und Wohnzimmer in einem und darum dem Berliner so sehr ans Herz gewachsen. Aus der nie ruhenden Stadt sind „Spätis“ einfach nicht wegzudenken!

Die meisten Inhaber der „Spätis“ sind Türken, Vietnamesen, Chinesen, Russen. Für sie ist es ein Ort der Integration. An der Kasse steht also nicht mehr Tante Emma, sondern Onkel Erkan, sein Bruder oder sein Neffe. Für sie ist es in Berlin eine Möglichkeit, sich Spaetkauf - Warschauer Str.durch intensive Arbeit und mit manchmal noch geringen Sprachkenntnisse eine eigene Existenz aufzubauen. Der Nachtschwärmer erfährt hier die neuesten Nachrichten. Der Besitzer kennt die Anwohner, er ist für viele der Ansprechpartner. Er weiß, wer gerade eine Wohnung sucht, wer eine Waschmaschine zu viel hat, ob die Haare von Yvonne noch immer knallrot sind und ob Lutze seiner Freundin nun endlich die Wahrheit gesagt hat. Hier ist man live dabei, ganz ohne Schminke! Das ist es, was die Berliner so lieben. Darum haben die „Spätis“ in ihrer Stadt bereits Kult-Status.

Es ist kurz vor 23 Uhr, vom Kino aus mache ich mich auf den Heimweg und mir fällt ein, dass ich für das morgige Frühstück keine Butter mehr habe. Auch um mein Kaffee-Lager ist es nicht gut bestellt. Zigaretten? Sind vorhanden. Ich gehe auf die andere Straßenseite zum hell erleuchteten, neu eröffneten „Späti“ und drehe meine Runde um den Spaetkauf - BierrBier-Berg, der wie überall in der Mitte des Ladens platziert ist. Ich greife mir die Butter, den Spaetkauf - ApfelKaffee, einen Apfel, zahle gerne etwas mehr und frage den jungen Mann hinterm Ladentisch, wie lange ich bei ihm einkaufen kann. „Wir haben bis 5 Uhr früh geöffnet, sonn- und feiertags auch, dann aber leider nur bis 20 Uhr“, ist die Antwort. „Das Gesetz will, dass wir an diesen Tagen gar nicht öffnen! Das würde uns die Existenz kosten“, fährt er fort. Ich werde nachdenklich und überlege, was man tun kann, Spaetkauf - Berliner Str. - Tagum die überlebens-wichtigen „Spätis“ zu erhalten. Jeder „Späti“ ist eine soziale Institution, ein Kiezmagnet, eine Integrations-Stube, und für viele sogar ein Ort des Glücks. Hier steht das Leben nie still, an diesem Puls beweist sich auch die Großzügigkeit einer Großstadt von Welt, wie ich sie sehe. Da ich meine Stadt liebe, wünsche ich mir, dass das so bleibt!


Beliebte „Berliner Spätis“:

Tele-Inter-Café: Lebensmittel für jede Mahlzeit, Biere, Schnäpse, Säfte, Snacks, kopieren + faxen, Internet, geöffnet 24 Stunden, Kaiser-Friedrich-Str. 60 (Charlottenburg)

Esperanto: Lebensmittel u. Getränke aller Art, Glühlampen, Windeln, Kokosmilch, frisches Obst, rund um die Uhr geöffnet, Simon-Dach-Straße 18 (Friedrichshain)

Späti am Schlesi: Lebensmittel, div. Getränke Snacks, besten Espresso, Obst, Zeitungen, alle Tage durchgehend geöffnet, Skalitzer Straße 73 (Kreuzberg)

Spätkauf 33: Snacks, verschiedene Biere, Imbiss, Döner, Dürüm, Hamburger und Pommes, 24 Stunden geöffnet, Sonnenallee 33,  (Neukölln)

Ruken’s Multi Shop: gutes Lebensmittelangebot, div. Getränke, CD-Rohlinge, Toilettenpapier u.a., täglich von 7 – 2 Uhr geöffnet, Stargarder Str. 50 (Prenzlauer Berg)

0 Gedanken zu „Spätschicht im Kiez

  1. Ich drücke die Daumen, dass die Spätis auch an den Wochenenden offen bleiben dürfen. Manchmal hätte ich einen solchen Treffpunkt gebraucht. Danke für den Artikel…

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