Trinkstube

Prassnik - EingangEs gibt in unserer Stadt wohl jede Art von Kneipen, die eine deutsche oder ausländische Lebensart repräsentieren soll: Schwarzwaldstübchen, Bayernzelt, Ostseeperle, Fischerklause, Leuchtturm-Eck, Niedersachsen-Treff oder Brocken-Baude –  ziemlich alles ist vertreten. Auch die meisten ausländischen Richtungen – von der afrikanischen bis zur Polar-Küche sind hier zu finden. Ganz anders verhält es sich mit der Gaststätte W. PRASSNIK in der Torstraße (ehemals Wilhelm-Pieck-Straße)  unweit vom Rosa-Luxemburg-Platz. Im historischen Eckhaus zur Angermünder Straße befindet sich die einzige aktive Brauerei im Bezirk Pankow, die hier das gleichnamige Bier ausschenkt.

Das Land, das hier verkörpert wird, die DDR, gibt es nicht mehr. Vor gut 25 Jahren wäre diese Eckkneipe den Bewohnern nicht aufgefallen und der Besucher von heute denkt, dass hier die Zeit eingefroren wurde. Hier ist vieles wie früher. Es riecht nach Linoleum, Prassnik - Karteder Fußboden hat mit den Jahren Wellen gebildet und ist bei 1,5 Promille gefährlich geworden. Die undefinierbare Wandfarbe erinnert sehr an die Vergangenheit. Aber das Gestühl, eindeutig aus Prassnik - BierdeckelDDR-Beständen und die Tischplatten mit Sprelacart-Einlage sind solide. Getränkekarte und Bierdeckel mit dem stilisierten Ampelmännchen sind originell und passen.

Fernab jeder Erlebnisgastronomie und Feinschmecker-Interesse ist das PRASSNIK eine strenge Trinker- und Raucher-Kneipe. Darum ist auch die Speise-Luke neben der Prassnik - Kasse und Lukemechanischen Original-Konsum-Registrierkasse hinten in der Ecke nur noch Attrappe. Wo einst Soljanka, Würzfleisch und Jägerschnitzel ausgegeben wurde, erinnert nur das bezogene Ablagebrett. Wo geraucht wird, darf heute nicht mehr gegessen werden. So ist das auch im Prassnik!

Noch nicht genug der Erinnerungen; im kleinen Flur zu den Waschräumen steht ein sehenswerter „Plegmat 70“, ein Verkaufsautomat aus dem VEB Luma, der nach Einwurf der Münzen Erdnüsse oder Zigaretten ausspuckt. Der Griff an die Schwingtür zu den Nass-Zellen erheitert zu später Prassnik - AutomatStunde: ein aerodynamisches Schmuckstück aus den Anfängen der sowjetischen Kosmonauten-Zeit.

In dieser Art Kneipen hat der Gast keine Entscheidungsprobleme. Bier. Klar, die meisten Frauen trinken Wein oder Sekt. Alles ist vorhanden und sehr gepflegt, der Rotkäppchensekt kommt eisgekühlt auf den Tisch und die Weine in entsprechender Temperatur. Fünf Sorten Wodka, Whisky, Magenbitter, Salzstangen und Erdnüsse. Es ist gut vorstellbar, wie froh mancher Gast dort ist, der alles draußen lassen möchte und nur in Ruhe seinen Platz am Tresen einnimmt. Er hört das Zischen des Bierzapfens, unterhält sich mit der Bar-Kraft und ist froh, dass er HIER niemanden aus Steglitz oder Stuttgart trifft. Langsam wird es dunkel und laut, die Luft ist zum Schneiden. Eigentlich ist Ganz-Berlin sein Lieblingslokal, aber heute hat er sich für das Prassnik entschieden. Er wird wiederkommen.

Ich werde es auch tun, denn so eine unkomplizierte und trotzdem stilvolle Kneipe habe ich nicht so häufig gefunden. Ein Freund sagte: „Ohne Alkohol und Zigaretten wird ein Prassnik - innenKneipenbesuch sinnfrei“. Wie schön, dass hier der Sinn noch erhalten ist. Das empfand auch ein inzwischen toter Dichter genau so. Wolfgang Herrndorf, der hier ganz in der Nähe wohnte, hatte mit seinen Freunden den leicht erhöhten Tisch hinten in der Ecke zu seinem Stammtisch erkoren. Hier trafen sie sich oft, redeten über Literatur, Politik und Frauen. Die ur-alten Themen. Er starb genau vor einem Jahr und verfügte in seinem Testament: „Besauft Euch bei Prassnik, ich zahle“.

Gaststätte W. Prassnik
Torstraße 65
10119 Berlin
Tel.: 030 – 41 71 51 20
Geöffnet:
täglich ab 19:00 Uhr

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