Warten und starten

airport-abflug-2Reisende aus aller Welt warten mit mir zusammen in der Abflughalle auf den Flieger, der uns mitnehmen soll  über die Wolken, dorthin, wo die Freiheit wohl grenzenlos ist. Die Sorgen bleiben zu Haus. Dazu kommt das Fernweh, das so viele Menschen in die Flughäfen zieht. Die Sehnsucht, dem Alltag zu entfliehen, teile ich mit allen Wartenden. Wann geht es los? Mailand, Venedig, Oslo, Madrid, London, – wann wird mein Flug nach Nizza angezeigt und der Check-in beginnt? Ich habe noch zwei Stunden Zeit, um mich umzusehen.

Auf den Terminals tummeln sich nicht nur Wartende, genauso viele Gäste kommen an und werden von einer Vielzahl begrüßender, familiärer Empfangskomitees erwartet. Der Blick der Menschen beschwört die große Glastür mit dem Wunsch „Sesam öffne dich“. Eine junge Frau mit Handgepäck rast an mir vorbei, vermutlich auf dem Weg zum Casting. Und den älteren Herrn mit Blumenstrauß schoenefeld-wartendehabe ich bei meinem letzten Abflug auch schon gesehen. Wem schenkt er heute seine Liebe?

Hunger und Durst scheinen auf den Flughäfen ein großes Thema zu sein, denn es gibt hier ein Übermaß an Restaurants. Back-Shops, Cafés, Bars und Imbiss-Ständen. Die Wartezeit ist häufig nur mit Essen und Trinken zu überbrücken. Die Langeweile der Wartenden führt viele zum Buffet. Andere nutzen die Zeit für ein Abschieds-Szenario vor dem großen Flug, das mit Bier, Sekt oder Champagner begossen wird. Eine ungesunde airport-barZigarette oder das „letzte Glas im Stehen“ deuten für manches Paar eine Pause oder gar einen tränenreicher Abschied an. Der Flughafen ist ein großer Bahnhof für große Gefühle.

Es müssen nicht nur Flaschen geöffnet werden, viele Speisen und Getränke werden noch immer von Hand zubereitet. Die Handgriffe müssen sitzen, das Service-Team muss sich verstehen und gut zusammen arbeiten. Alles muss schnell gehen, gut aussehen und schmecken. Welch ein Anspruch, doch was für eine Preisgestaltung! Mir ist klar, dass ich airport_gerichtehier nicht im Supermarkt an der Kasse stehe, aber die Preise sind schwindelerregend. Eine Familie, die in den günstig gebuchten Urlaub fliegt, kann hier locker noch vor der Ankunft am Sonnen-Strand ein halbes Gehalt für die Beköstigung airport-saftverpulvern.

Der Leberkäse und die Pommes, dazu Salat und feine Sauce – der Duft steigt in die Nase. Wer bekäme da nicht Appetit? Auch die Pasta-Gerichte, mit frischen Kräutern bestreut, die Schweizer Rösti von frischen Kartoffeln und die Lamm-Koteletts dazu sind eine Aufforderung für die Geschmacksknospen. Die original zubereiteten Süßkartoffeln finden den Abnehmer aus dem Ursprungsland genau so wie die Tortillas mit Avocado-Dip. Bei den Desserts ist auch hier das große, bunte Programm angesagt. Kuchen und Torten in Hülle und Fülle, Obstsalat, Crème Brûlée und sogar Müsli mit Yoghurt sind hier zu haben. Es ist wirklich an jeden Geschmack gedacht worden.

Die Schlange am Coffeeshop ist besonders lang. Das heißt für mich, dass der Kaffee gut sein muss. Der Barista hat die Ruhe weg. Der Kaffeeautomat auch. Und die Kollegin am Sandwich-Tresen hat sogar Zeit, ihrem Liebsten eine SMS zu senden. Es beruhigt mich, airport_personaldass doch noch nicht das Ende der menschlichen Arbeit in Sicht ist, denn wenn erst Roboter den Kaffee aufbrühen und von der Liebe schreiben, dann wird es knapp.

Auch für mich wird es jetzt Zeit für die letzte Zigarette im Stehen, darum verlasse ich noch einmal kurz die Abflughalle und finde mich trotz aller Verführung der internationalen Angebote bei meiner „total abgefahrenen“ Berliner Currywurst ein. Für meine Lieblingsspeise muss noch Zeit sein. In einem originaltreu umgebauten S-Bahn-tegel-s-bahn-essen-kleinTriebwagen aus den 20er Jahren hat ein kluger Mensch ein Imbiss-Restaurant mit dreißig Plätzen gebaut. Mein Ticket fühle ich in der Jackentasche, es möchte nicht der Currywurst verfallen. Aber die Gefahr ist groß …. ich entscheide mich für die „to go“-Variante. Vor dem Aufruf schlinge ich Wurst samt scharfer Sauce runter, denn Flüssiges kommt nicht durch die Kontrolle. Eigentlich schade, denn meine Leute in Nizza würden sich über einen Berliner Zungenschlag mit Curry und Ketchup bestimmt freuen.

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