Geliebte Knolle

Keine meiner Freundinnen heißt Knolle, aber meine Lieblings-Knollen tragen alle Frauen-Namen: Annabelle, Adria, Adretta, Agria, Belana, Valfi, Sieglinde und natürlich Linda. Ob frühreif, mehlig oder fest kochend – ich kann kaum auf sie verzichten. Gebraten, gekocht oder als Salat: die unscheinbare Knolle verdient eine Liebeserklärung. Kulinarisch ist die Kartoffel eigentlich nichts Besonderes, sondern Mittel zum Zweck. Lange genug wurde sie auch „Sättigungsbeilage“ genannt. Dieser Bezeichnung macht die Knolle zur Zeit aber mehr Ehre in Polen Russland und Belgien, denn dort werden weitaus mehr  Kartoffeln gegessen als bei uns.

Die Verwandlungskünstlerin ist sowohl in der Imbissbude wie auch im Sterne-Restaurant zu Hause. Und nach den Pasta-Jahren und der Sushi-Ära mit heißen Nudeln und kaltem Reis, geht es jetzt um die Neuentdeckung einer guten alten Bekannten. Sie kann sich natürlich mit vielem Beiwerk aus der Fleisch- und Fischküche schmücken, kommt aber auch ohne alles aus. Wer liebt sie nicht als Pellkartoffel mit einer Messerspitze salziger Butter oder einem Löffel Kräuter-Quark? Wer hat nicht schon Unmengen von Pommes vernichtet, rot-weiß oder als Beilage zur Currywurst?

Die traditionelle Beziehung zur Kartoffel teilen sich hierzulande 359 Sorten, die jährlich geerntet werden. Sie haben gelbe, rote oder blaue Schalen, sind klein, groß, länglich oder rund. Der ausgefallenste Sortenname neben all den Damen ist das „Bamberger Hörnchen“. Mich erinnert das an  „Frankfurter Kranz“. Aber das ist ja eine ganz andere Abteilung.

Hat man ein, zwei Sorten gefunden, die man mag, bleibt man ihnen oft treu, das geht auch mir so. Ich liebe Frühkartoffeln zur Spargelzeit. Sie schmecken so leicht, weil sie noch nicht so viel Sonne hatten und deswegen einen geringeren Stärkegehalt haben, der sie nicht so intensiv oder erdig schmecken lässt.

Die köstliche Knolle hat einen langen Weg aus den Anden in Südamerika hinter sich und ist nach der Entdeckung Amerikas über Spanien zu uns gekommen. Anfangs beschränkte sich die Begeisterung auf die weißen Blüten der Pflanze, bis ein hungriger Mensch darauf kam, dass die Knollen verwertbar waren. Die Bevölkerung wuchs und die Nahrungsmittel wurden knapper, also wurde der Kartoffelanbau kultiviert. In Preußen hatte von je her alles seine Ordnung, darum ließ Friedrich II die Kartoffelfelder von Soldaten bewachen. Die Landleute dachten: Oh da wird Gold geschürft. Eine passende Metapher, wie sich später erweisen sollte.

„Rein in die Kartoffeln – raus aus die Kartoffeln“ – eine Redewendung, die nicht nur in Berlin beliebt ist. Diese umgangssprachliche Wendung ist ein Ausruf der Verärgerung, insofern eine geltende Arbeitsanweisung, die plötzlich durch eine neue abgelöst wird, so dass Verwirrung entsteht. Die Redensart geht wohl auf das Militär zurück, denn bei Manövern wurden die Soldaten häufig zur Tarnung in einen Kartoffelacker geschickt und nach wenigen Minuten wieder daraus vertrieben, um Flurschäden zu vermeiden. Der falsche Fall aus die Kartoffeln weist auf Berlin als Entstehungsort hin. Wie alle Kartoffel-Esser, liebe ich die kleinen Geschichten, die sich um die Knolle ranken.

Auf  meinem Balkon geht es ganz ohne militärischen Drill zu. Ein großer Sack mit Blumenerde reicht aus, um „Sieglinde“ immer in meiner Nähe zu haben …. eine keimende Knolle setze ich im Frühjahr ein, um nach entsprechender Zeit fünfzehn bis zwanzig Knollen zu ernten! Das reicht für eine gute Kartoffelsuppe und für eine heitere Wahrheit aus dem Bereich der Landwirtschaft, die dann nicht nur für mich, sondern für einen Großeil der Bevölkerung zutrifft: Das maximale Volumen subterrarer Agrarproduktivität steht im reziproken Verhältnis zur intellektuellen Kapazität Ihrer Erzeuger. Kurzum: „Die dümmsten Bauern ernten …….“

Bildnachweise: proplanta, colourbox, Rolf Selzer

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