RHEIN-GOLD

Wenn das Wasser im Rhein goldner Wein wär ….. dann wollte ich allerdings kein Fischlein sein. Hin und wieder muss einfach ein Bier her. Auch das ist heute kein Problem in dieser Festung der Beständigkeit, denn die traditionsreichen KURPFALZ-WEINSTUBEN in Berlin-Charlottenburg bestehen schon seit 82 Jahren. Der Umgang mit Getränken, die nicht aus der Kurpfalz stammen, unterliegt hier keinem pädagogischen Prinzip. Das lässt der humorvolle Wirt und Somellier, Vincenzo Berényi, wissen. Das Bier aus der Flasche mit Flupp-Verschluss wurde in Neukölln gebraut.

Nach dem erfrischenden Hopfen-Aperitif ist es an der Zeit, sich den Trauben zu widmen. Die Auswahl der Schoppenweine wird auf einer überdimensionalen Karte präsentiert. Das Angebot an Flaschenweine, sonstigen Getränken und Speisen bekommt der Gast im handlichen A4-Format gereicht. Es sei denn, er hat sich schon in der Tor-Einfahrt gründlich an den „Wand-Karten“ über die ambitionierte deutsch-deftige Küche informiert.

Sebastian Schmidt ist Kompagnon und Küchenchef. Da noch nicht der letzte Stuhl besetzt ist, serviert er „Tranchen vom Presssack mit Kräuter-Vinaigrette und Brunnenkresse“ persönlich. Knusprige Graubrot-Chips und ein Körbchen mit Baguette-Scheiben und Schmalz-Töpfchen sorgen dafür, dass der Imbiss zu einem Erlebnis wird. An diesem Ort spielt der Wein aber die erste Geige, darum bestelle ich einen Riesling des hier so berühmten Weinguts Koehler-Ruprecht, der intensiv schmeckt und eine „kalkige Mineralität“ haben soll. Der Schoppen misst 0,25 l, darum kann ich nur noch eine andere Sorte probieren, um mit meinem Fahrrad keine Schlangenlinien zu fahren.

Der Wirt empfiehlt zum Vergleich einen ebenso berühmten Riesling vom Weingut Tesch, die Laubenheimer Krone. Dazu gibt es eine Information über die Herkunft, denn „die Reben sind dem Westwind ausgesetzt, was zu starker nächtlicher Auskühlung führt. Diese Temperaturschwankungen verhelfen dem Wein zu einem kernigen Temperament mit ausgeprägter Zitrusaromatik.“ So trinkt also das verehrte Fachpublikum.

Inzwischen ist Berlin ja nicht mehr die Wein-Wüste von einst. Selbst das jüngere Party-Volk kennt inzwischen die Unterschiede und weiß, dass mit einem „großen Gewächs“ nicht die Pappel vor der Haustür gemeint ist. Es sind einige moderne Wein-Bars entstanden, aber keine ist wie diese.

Die kinnhohe, dunkle Holzvertäfelung, geschnitzte Dekorations-Elemente und Butzenscheiben wirken etwas alt-deutsch, zumindest süd-deutsch. Aber eine gewisse, wenn auch düstere Gemütlichkeit, ist der Einrichtung nicht abzusprechen. Japanische oder australische Touristen würden den Fotoapparat nicht mehr aus der Hand legen. Im quirligen Berlin vermutet man so ein altmodisches Restaurant nicht – darum ist es auch nicht einfach zu finden. In einem Charlottenburger Hinterhof, in der Nähe des Adenauerplatzes, ist diese Weinstube noch immer ein beharrlicher Geheimtipp.

Der Hinterhof, in dem die KURPFALZ-WEINSTUBE versteckt ist, wird im Sommer mit Aussenplätzen zusätzlich attraktiv. Auch der Blick auf die gegenüberliegende Hauswand hat es in sich. Hier wird das Auge getäuscht. Die Vermutung, einer kompletten Fassade gegenüber zu sitzen, hat nichts mit dem Promillegehalt im Blut zu tun, oder mit der kleinen Reblaus, die über die Leber gelaufen ist. Es handelt sich um illusionistische Malerei, die Dreidimensionalität vortäuscht. Diese Gestaltung an öffentlichen Fassaden soll häufig architektonische Mängel kaschieren oder für belebte Atmo in leeren Räumen sorgen.

Dieser Raum wird am 10. Juni 2017 allerdings nicht leer sein, wenn die KURPFALZ-WEINSTUBEN zum Hoffest zwischen 15.00 und 20.00 Uhr einladen. Tickets sind im Vorverkauf zum Preis von 25 Euro erhältlich.

Kurpfalz-Weinstuben
Wilmersdorfer Straße 93

10629 Berlin-Charlottenburg
Tel.: 030 – 883 66 64
Geöffnet:
Dienstag bis Sonntag ab 18.00 Uhr

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