Ecke Schönhauser (1)

Sonnabend Morgen. Pünktlich meldet sich mein Kaffeedurst, doch ich verzichte auf den Selbstgebrühten. Die Sonne scheint, denn noch ist Sommer in Berlin und in der Schönhauser Allee boomt das Leben. Der Berliner liebt diesen Boulevard im Nordosten seiner Stadt wegen des bunten Treibens dort und wegen der vielen Ecken, die von hier in die Berliner Kieze führen, wo „det Milijöh“, würde Zille sagen, seine Bühnen hat. Genau darauf habe ich große Lust. Kaffee im Kiez, auf die Schönhauser Allee. Schwinge mich aufs Rad und starte am U-Bahnhof Vineta-Straße, parallel zur Hochbahn in Richtung Alexanderplatz, den Fernsehturm immer im Blick. Ich nehme den Radweg auf der Sonnenseite. Bis zur Ecke „Bornholmer Str.“ ist es nicht weit, in der Straße, wo am ehemaligen Grenzübergang der 1. Schlagbaum sich hob und in Folge die ganze Mauer fiel. Kurz vor der großen Kreuzung sehe ich rüber zur Haltestelle der Tram M13, wo der „InselSnack“ seinen roten Sonnenschirm aufgestellt hat. Nein, heute kein Kaffee im Stehen.Ich trete weiter in die Pedale und muss acht geben. Warum eigentlich? Der junge Radartist mit Rucksack, der mich überholt, fährt freihändig! Ohne Helm sowieso, denn diese Freiheit lässt sich der Berliner nicht nehmen, er mag keine Verkleidungen. Ich schmunzle und genieße weiter meine Tour – sehe, wie im „San Marco“ die Korbstühle zurecht gerückt werden; zwei Gäste nehmen Platz. Für mich ist es noch zu früh für einen Espresso bei den Italienern und erst recht für Pizza aus dem Steinofen für nur 2,70 €. Mit diesem Friedenspreis wird nebenan im „Aldente“ ebenso geworben. Ob sie Rezepte tauschen, so dicht zusammen? Ich rolle weiter bis zur Ecke „Paul-Robeson-Straße“ und denke an Robesons tiefe warme Stimme, mit der er vom „Old man river“ sang. An dieser Ecke bietet mir das Café Nepkow Kaffee und Kleider an. Ist es den Damen recht, wird zum Kaffee mit geschäumter Milch, Honig mit Schokowaffelbrötchen serviert, für nur 2,30 €. Mes dames viel Spaß! Ich überhole einen Mann, der seinen Hund ausfährt – oder umgekehrt, denn das Herrchen tritt gerade gar nicht in die Pedale. Ich sehe nach rechts, der Laden der „Polnischen Spezialitäten“ bietet bereits den Mittagstisch an: Bohneneintöpfe, Riesenkrakauer, Polnische Eier. Wie verlockend, doch mir ist weiter nach einem Frühkaffee, nehme auch einen Pott!

Ich erreiche die Ecke „Schivelbeinstraße“ und bekommeplötzlich Lust abzusteigen, um in den aufgestellten Kisten der Wohlthatschen Buchhandlung nach literarischen Schätzen zu graben. Nein, nichts kaufen, denn ich habe vom letzten Wühlen noch reichlichen Lesestoff. Ich könnte daneben am Bäckerei-Café „Bisquitte“ halten, denn der Duft der frischen Backwaren erreicht den Radweg. Doch ich bleibe stur, nein, keine Krakauer, keine Bücher, kein Kuchen jetzt.Ich fahre auf die Ecke „Dänenstraße“ zu, wo das Herz der „Scnhauser“ schlägt. Kein Wunder, denn hier treffen sich S-Bahn, U-Bahn, Straßenbahn und Bus wenn der Zufall es will zur gleichen Zeit. Ich halte an und will fotografieren. Welch quirlig-buntes Treiben! Wer zentral shoppen will, geht gegenüber in die „Allee-Arcaden“. Wer für den Leierkastenmann ein paar Groschen in Cent übrig hat, legt sie ihm in den Hut. Wer auf die andere Straßenseite ins Café Balzac möchte, muss zwei Ampeln passieren – kein Problem für den tempotrainierten Berliner, er ist „helle“, geht wie es ihm gefällt. Mich erheitert diese Leichtigkeit. Ich will weiterfahren, da werde ich von einem Herrn angesprochen. Er interessiert sich für meine Kamera, will wissen, welchen Film ich eingelegt hätte. Hallo! Ich versuche ihm freundlich die digitale Welt in meinem Apparat zu erklären, doch er wechselt schnell das Thema, erzählt von sich, dass er Österreicher sei und schon seit zwanzig Jahren hier in der Schönhauser wohne, aber dass er Wien auch ganz toll findet, und ob ich wüsste, dass die Wiener bald den größten Bahnhof der Welt haben werden – und nicht die Stuttgarter. Ich ziehe die Augenbrauen hoch. Das war ein Fehler! Schon bietet er mir an, Einsicht in sein Prospektmaterial zu nehmen, er wohne ja gleich neben dem „Café-Balzac“ und könne es holen. Er ist nicht zu bremsen, ich versuche mich davon zu machen, erfinde höflich eine Entschuldigung und erwische noch als Letzter die Grüne Welle über die Straße in Richtung Ecke „Kopenhagener Straße“.
(Teil 2 folgt)