Nö mit „Ö“ in Mitte

Schon während des kurzen Fußweges von der U-Bahnstation „Stadtmitte“ versuche ich zu ergründen, warum dieses Berliner Café und Weinrestaurant in der Glinkastraße heisst. Schön ungewöhnlich, gefällt mir schon jetzt. Ich muss nicht lange suchen, denn mein Ziel ist von Weinlaub umrankt und sieht zwischen den grauen Mauern links und rechts romantisch aus. Ein großes Sofa mit vielen bunten Seidenkissen vor Jens Kluges Weingalerie lädt die Raucher und Freiluft-Konsumenten ein. Ein Bühnenbild. Dieser Gedanke setzt sich im Inneren fort. Das warme Licht, die schöne Dekoration, ehrliche Holztische und -Stühle, die sich gut anfühlen, vorbeihuschendes Personal; Koch und Köchin annoncieren die fertigen Speisen durch ein buntes, bleiverglastes Fenster. N_-_KC1Schaut da nicht die Tochter von „Frau Holle“ raus oder befinde ich mich schon mitten in „Hoffmanns (kulinarischen) Erzählungen“? Ein Wunder wäre es nicht, denn das „Berliner Schauspielhaus“ am Gendarmenmarkt und die „Komische Oper“ Unter den Linden sind nicht weit von hier. Das ! ist ein beliebter Treffpunkt vor oder nach einer Aufführung. Die Speisekarte bietet darum viele interessante Kleinigkeiten aus der süddeutschen und mediterranen Küche, die gut zu den Weinen passen. Ich lasse mich gerne beraten und trinke einen Sauvignon blanc zu kleinen Brotscheiben mit gratiniertem Ziegenkäse, Chorizio und gerösteten Pinienkernen (5,50 €). Ich bemerke, die Dame mir schräg gegenüber ist verzückt, dass die Speckpflaumen (die vorher in Rotwein eingelegt wurden), stückweise berechnet werden, ab 10 Stück gibt es 10% Rabatt. Dazu trinkt sie einen weißen Elsasser Wein, den auch die Leute an unserem großen Tisch loben, die dazu Flammkuchen essen. Aber es werden durchaus auch richtige Abendessen-Portionen auf großen Tellern serviert. Fisch, Fleisch, Pasta, Salate und Desserts werden durch dieses bunte Glasfenster geschoben. Alles duftet verführerisch. Nach dem Dessert kann sich der geneigte Raucher zum Cognac eine Zigarre aus dem „Humidor“ kommen lassen. Allerdings muss er seine „Monte Christo Nr. 1″ oder die „Romeo und Guilietta“ auf dem bunten Sofa draußen rauchen. Ist ja klar. Wer nicht raucht, kann sich der Kunst widmen. An den Wänden können Künstler ihre Werke präsentieren. Heute blicken wir auf die „Märkischen Landschaften“ von Lothar Maertius.

Bei meinem Rundgang durchs Café sehe ich auf dem Tresen die schlanken Flaschen der -Hausweine, die zum Preis von 6,-/6,50 € erworben werden können. Dieser rote und weiße Burgunder wird speziell für vom Weingut Hermann Dörflinger (Müllheim/Baden) abgefüllt.

Der originell gestalteten Speise- und Getränkekarte entnehme ich, dass es Spiele am Tresen gibt und auch eine Lesebrille für Vergessliche und Kurzsichtige. Ob heute Abend noch jemand mit mir Schach, Dame, Mühle oder Mikado spielt? Dieses spezielle Angebot habe ich so bisher in keinem Berliner Restaurant wahrgenommen. Ab sofort werde ich darauf achten, denn in „Mensch ärgere dich nicht“ bin ich unschlagbar.
Und wer mal nicht von seinem coolen Smartphone telefonieren will, um zu sagen, dass es später wird, darf ein richtiges Telefon aus den 60ern dafür benutzen.
Ein Ort voller Überraschungen, für den man abends eine Reservierung haben sollte, denn die 50 Plätze sind schnell besetzt.

Tagsüber bietet dieser vielseitige Ort einen Mittagstisch zwischen 8,50 und 13,50 € an; von 15 bis 18 Uhr gibt es ein preiswertes Kaffee- und Kuchen-Gedeck für 4,- €. Es ist wirklich an alles gedacht, für alles gesorgt. Aber ich weiß noch nicht, wie es zu dem Namen kam. Nach dem wirklich allerletzten Glas Wein erfahre ich vom Wirt, dass er damals Herbert-Grönemeyer-Fan war, speziell von dessen Album „Ö“. Es scheint so, als könne man sich in einem Buchstaben verlieben, darum sollte der Restaurantname unbedingt ein „Ö“ enthalten. Und das „Ö“ war untergebracht. Also sitzen wir heute im ! Und zwar GERN!

Café NÖ!
Glinkastraße 23
10117 Berlin
Tel.: 030-2010871
Öffnungszeiten:
Montag bis Freitag: 12:00 bis o1:00 Uhr
Samstag: 19:00 bis 01:00 Uhr
Sonntag u. Feiertag: geschlossen
Küchenschluss: 24:00 Uhr