Lektion mit Stäbchen

Heute bin ich nicht mit dem Fahrrad unterwegs, denn in Berlin wimmelt es von Rikschas. Heute lasse ich mich bedienen, spiele Tourist und mache es mir bequem, lasse mich mit dem fernöstlichen Gefährt, das schon lange zum Berliner Stadtbild gehört, vom Alex zum Rosenthaler Platz bringen. Eine der verkehrsreichsten Kreuzungen Berlins liegt vor mir und der Student auf dem Rikscharad muss höllisch aufpassen. Von überall her dringen Geräusche herüber. Jetzt fehlen nur noch gefühlte 800 Fahrräder und das Hanoi-Feeling wäre perfekt! Nichts liegt darum näher, als mein Versprechen einzulösen und „Familie Dang“ aus Vietnam wieder einmal zu besuchen. In deren gemütlichem Restaurant aß ich letztlich ein wunderbar exotisch schmeckendes Hühnerbrustfilet mit Reis, Curry, in Kokosmilch, frischem Salat und asiatischen Kräutern. Allerdings bevorzugte ich aus Bequemlichkeit zum Essen Gabel und Löffel, legte die landesüblichen Stäbchen bei Seite. Heute möchte ich aber volles Risiko eingehen und mit diesen Stäbchen hantieren bis kein Reiskorn mehr in der Schale liegt.

Die Sonne scheint. Doch der Herbst zeigt seine kühle Schulter. Nur ein Gast harrt noch draußen am langen Tisch neben der Tür aus. Ich trete ein und werde wie ein guter Freund empfangen, setze ich auf meinen Lieblingsplatz und bemerke erfreut, ein neues Foto hängt an der Wand: ein Blick auf Heimatliches. Auch die Gastgeber wollen sich wohlfühlen wie die Gäste. Das Foto gefällt mir ebenso wie die asiatischen Klänge aus dem Lautsprecher. Die Hektik der lauten Kreuzung bleibt draußen.

Freundlich werde ich gefragt, ob ich wieder das Hühnerbrustfilet wünsche, aber ich zögere und schaue hinüber zur Angebotstafel „für diesen Tag“. Mein Blick bleibt gleich beim oberen Gericht hängen, denn heute habe ich Appetit auf Fleisch vom Rind. Ja, das „Gebratene zarte Rindfilet mit Ananas, Tomaten, Lauchzwiebeln, frischem Gemüse auf Reis, leicht scharf“ – das soll es heute sein.

Das bestellte Pils steht bereits vor mir, der Service ist hier landesüblich höflich und schnell. Ich schaue schon mal auf meine Finger. Zum Ausprobieren bleibt keine Zeit, denn im Nu wird mir das Essen in einer dieser schönen weißen Schalen mit den Worten „Chuc anh an ngon“ gereicht, was „Guten Appetit“ heißt. – das lernte ich bereits bei meinem letzten Besuch. Ich danke wie selbstverständlich mit „Cám ón“. Mein Vietnamesisch kommt gut an.

Ich greife zu den Stäbchen. Wie war das? Ich nehme das erste Stäbchen weit hinten zwischen Daumen und Zeigefinger. Das dünne Ende richte ich in Richtung Essen. Der Ringfinger stützt das Stäbchen. Geschafft! Jetzt greife ich zum anderen Stäbchen und nehme es zwischen Zeige- und Mittelfinger (als würde ich einen Stift halten). Nun liegen die beiden Spitzen der Stäbchen optimal übereinander. Es klappt! Jetzt muss ich nur noch damit essen! Ich bewege das zweite Stäbchen, wobei das Erste sich nicht bewegen darf und greife mir den ersten kleinen Reisberg. Ich bin ein Held! Alles schmeckt köstlich, Gabel und Löffel sind vergessen. Zum Bier greife ich lieber mit der linken Hand. Schade, das letzte Reiskorn will nicht mit – dann eben das nächste Mal.

Jetzt erst bemerke ich, wie hinterm Tresen in meine Richtung geschmunzelt wird. Ich lächle zurück und bin mit mir zufrieden – habe mich nicht blamiert und alles hat köstlich geschmeckt. Ich zahle am Tresen und schaue dabei noch einmal auf die Angebotstafel und nehme mir vor, bald wieder zu kommen, um die „Gebackene Ente mit Broccoli, Zucchini, Karotten auf Reis“ zu probieren. Ab sofort nur noch mit Stäbchen! Na dann: „Cháo anh nhé“ Familie Dang. „Auf Wiedersehen“. Bin mir sicher, dass ich auch diese Worte völlig akzentfrei aussprach.

Fam. Dang
Torstraße 125
10119 Berlin
Täglich: 11:30 – 24:00 Uhr