Auf Tucholskys Spuren

Tucholsky - aussen, TagIn der Tram Linie 1 sehe ich am Samstagmittag nur aufgeschlagene Stadtpläne, höre Leute telefonieren, sehe sie Smartphones oder iPads wischen, im Gedränge dazu babylonisches Sprachgewirr. Ein internationales Kleinkind heult, die Mutter schimpft. Ich muss hier raus – an die Luft. Am Rosenthaler Platz verlasse ich das umweltfreundliche Verkehrsmittel und mache mich auf den Weg. Strahlenförmig gehen die Straßen von diesem Platz in jede Himmelsrichtung ab. Als Berliner weiß ich natürlich, dass ich ab „Mitte“ immer von sehr viel Geschichte begleitet werde. Daher entscheide ich mich heute für die Torstraße. Weiterlesen

Mac und Minze

In welchen Kulttempel bin ich denn heute geraten? Angelockt werde ich vom Traffic vor der Tür. Kleine Gruppen, die rauchend, gestikulierend hin und her trippeln, rein- und rausgehen, ihre Pudelmütze mal auf links drehen oder sich im Halb-Koma an eine der großflächigen Spruchtafeln lehnen, die um die gesamte Ecke herum die Hauswände zieren. Halb verdeckt von einem Jung-Menschen lese ich dort: DAS LEBEN IST KEIN PONYHOF. Das ist mir bekannt, darum traue ich mich ins Innere des Ponyhofes, der sich „St. Oberholz“ nennt. Er befindet sich direkt am Rosenthaler Platz in Berlin-Mitte und ist wirklich nicht zu übersehen. Ich staune über den hohen Raum mit den großen Fenstern und den ungewöhnlich dekorativen Oberlichtern, über die schöne alte Holztreppe, die zum weiteren Gastraum auf der Empore führt. Noch mehr staune ich aber, weil fast an jedem Tisch jemand sein MAC-Book bearbeitet und dabei immer auf das daneben liegende Smartphone schielt. Diese Ausrüstung scheint hier die Eintrittskarte zu sein. Wie gut, dass ich meinen alten Schlepptop nicht dabei habe! Hoffentlich ruft mich niemand an, denn wenn ich mein unmodernes Handy zücke, fliege ich wahrscheinlich raus. Aber vorher stelle ich mich brav am Tresen in die Reihe und erwerbe einen Café Americano und ein Stück vom göttlichen New York Cheese Cake. Danach brauche ich keines der angebotenen Tagesgerichte mehr. An den Wandtafeln lese ich, dass es schon ab 3,- € etwas Warmes zu essen gibt. Salate, Suppen, Desserts, Kuchen – alles selbstverständlich auch to go! Vom Lachs-Frischkäse-Bagel bis zum Vollkornbrot mit Quark oder ChickenCurry ist für jeden etwas dabei. Das coole Personal gibt Essen und Getränke aus, kassiert und räumt später mal ab. Aber holen muss man sich die Sachen schon selbst.

Ich balanciere mein Tablett nach oben. Hier habe ich einen schönen Blick auf den betriebsamen Rosenthaler Platz und finde eine Lücke zum Sitzen neben einer hübschen Dunkelhaarigen, die intensiv die Tasten bewegt. So, wie alle anderen auch. Hier wird also schwer gearbeitet. Oder liest da etwa jemand die Sportnachrichten? Ist das hier wirklich ein freies Café oder doch ein Workshop der Humboldt-Uni? Vom outfit her könnten sie alle Studenten sein oder Freie Kreative, was ja heutzutage fast dasselbe ist. Der kostenlose Internetzugang lockt sie an! Manch eine/r arbeitet hier stundenlang und konsumiert dabei ein Glas Tee aus frischer Minze. Dieses dekorative Getränk kommt häufig vor. Ob der Wirt hier wirklich „seinen Schnitt“ macht? In den Öffnungszeiten zwischen 8 und 24 Uhr soll wohl etwas hängenbleiben, denn abends wird intensiv gegessen und auch feiner Wein getrunken … Die 120 Plätze innen (und 50 im Sommer draußen) mögen es bringen! Außerdem lese ich auf dem ausgelegten Flyer, dass 2 neo-mondäne Altbauwohnungen in den Obergeschossen vermietet werden, dazu kann man sich im KoWorking-Büro einmieten. Alles in einem Haus. Essen, Trinken, Chillen, Schlafen.

Im ersten WLAN-Café Berlins hat also die digitale Bohème ihre Heimat gefunden. Alle sind intensiv mit sich und ihren Geräten beschäftigt. Ein angenehmer Klangteppich hüllt sie ein. Ob diese Musik meine Nachbarin stört? Diese Frage soll mir helfen, mit ihr in Kontakt zu kommen. Ganz überrascht schreckt sie sofort hoch und widmet sich mir. Zwischen Latte und Laptop erfahre ich, dass sie Russin ist und Violetta heißt. Sie schreibt hier öffentlich an ihrer Dissertation, um der häuslichen Isolation zu entkommen. Meist kommt sie vormittags, weil dann immer ein Platz zu ergattern ist. Man trifft hier ohne Verabredung Freunde und Bekannte. Das werde ich bald mal testen. Vielleicht kann ich ihr ein Stück vom „Russischen Zupfkuchen“ spendieren?

Im unteren Café-Bereich ist es inzwischen so voll, dass ich mir mühsam den Weg zur Tür bahne. Draußen stelle ich mich zu den Nerds von Sankt Oberholz und lese noch einen anderen Spruch an der Wand: VERTEILE DAS FELL DES BÄREN ERST, WENN ER ERLEGT IST. Stimmt!

St. Oberholz
Rosenthaler Str. 72A
10119 Berlin
Tel.: 030-240 855 86
Mo. bis Do.: 8 bis 00 Uhr
Sa.: 8 bis 02 Uhr
So.: 9 bis 00 Uhr